Als erstes Bankinstitut hat die Vereinsbank in Hamburg traditionsgemäß ihre Dividende für das abgelaufene Geschäftsjahr bekanntgegeben. Sie wird für 1955 auf ihr kürzlich von 12 auf 16 Mill. DM erhöhtes Kapital eine Dividende von 10 (9) v. H. verteilen und – weil sie in diesem Jahr ihr lOOjähriges Geschäftsjubiläum feiert – einen Bonus von 2 v. H. zur Ausschüttung bringen. Das ist eine erfreuliche Nachricht für die Aktionäre, die im Geschäftsjahr 1955 einmal die Gelegenheit hatten, durch den Bezug junger Aktien im Verhältnis 3:1 zu 100 v. H. die Rendite ihrer Anteile zu erhöhen und zum anderen für die ersten im letzten Quartal 1955 bezahlten jungen Aktien rückwirkend für das gesamte Jahr eine Verzinsung von 12 v. H. zu erhalten. Diese Lösung kann sowohl die Aktionäre als auch die Bank selbst befriedigen; sie ist vor allem besser als die oftmals diskutierte Ausgabe von Gratisaktien, die steuerlich heute schwerwiegende Konsequenzen nach sich zieht.

Was geschieht denn bei der Verteilung von Gratisaktien? Drücken wir es einmal klar in Zahlen aus. Angenommen, ein Unternehmen verteilt Gratisaktien im Verhältnis 1:1. Stehen die alten Aktien bei 200, dann halbiert sich auch der Aktienkurs, der logischerweise auf 100 v. H. kommen würde. Das Vermögen des Aktionärs hat sich also nicht vermehrt, sondern bleibt zunächst einmal unverändert. Aber nur zunächst! Denn nun kommt das Finanzamt, das die Ausgabe von Gratisaktien als steuerpflichtige Einnahme betrachtet und je nach dem Steuersatz des einzelnen bis zu 60 v. H. des Betrages der Gratisaktien entnimmt. Der Aktionär wäre also ärmer als zuvor. Solange die Ausgabe von Gratisaktien nicht steuerbegünstigt ist, haben die Vorstände der Unternehmen die Pflicht, nach besseren Wegen zu suchen, um die Aktionäre in den Genuß einer angemessenen Rendite zu bringen. Die Methode der Vereinsbank scheint hier in gewisser Weise vorbildlich zu sein.

Als typisch für die kommenden Bilanzen der Regionalbanken ist die Erhöhung der Wertpapieransätze anzusehen, die bei der Vereinsbank etwa 1,8 Mill. DM ausmachte und die eine Folge des 3. DM-Bilanzergänzungsgesetzes ist. Der dadurch frei gewordene Betrag wurde zur Erhöhung der offenen Rücklagen verwandt. Ein weiterer Betrag von 2,765 Mill. DM wurde aus dem Gewinn in die offenen Rücklagen eingestellt, die sich dadurch auf 10 (6) Mill. erhöhten. Zusammen mit dem AK machen die eigenen Mittel nunmehr 26 Mill. DM aus. Sie betragen damit etwa 6,4 v. H. der auf etwas über 400 (375,3) Mill. DM erhöhten Bilanzsumme. Dieser Anteil liegt erheblich über dem der Regionalinstitute und Großbankennachfolger in den Bilanzen per 31. 12. 1954. Für ein Institut, das ein lebhaftes Außenhandelsgeschäft pflegt, wie es die Vereinsbank seit vielen Jahrzehnten macht, ist die Höhe der eigenen Mittel ein gutes Aushängeschild, wenngleich nicht übersehen werden darf, daß die stillen Reserven für die Geschäftspolitik einer Bank eine ungleich größere Bedeutung haben. Ohne ausreichende stille Reserven ist die Führung einer Bank einfach undenkbar, denn nur aus ihnen kann sie eventuelle Minusgeschäfte, ausgleichen. Die offenen Reserven sind tabu; kein Verstand wird es sich erlauben können, hier Abstriche zu machen, ohne daß der Ruf des Instituts Schaden erleidet. Der Anteil von 6,4 v. H. an der Bilanzsumme reicht an dan Vorkriegssatz von über 10 v. H. in 1938 zwar noch nicht heran, im Vergleich zu den Bilanzen anderer Banken wird er sich aber sehen lassen können. Es wäre denkbar, wenn in den kommenden Jahren die Stärkung der offenen Reserven in einem langsameren Tempo durchgeführt werden wird; denn mit einer zweiten Kapitalerhöhung ist in nächster Zeit kaum zu rechnen.

Wenn auch die Verwaltung über die Liquiditätsverhältnisse noch keine Angaben gemacht hat, so deutet doch vieles darauf hin, daß das Bestreben in Richtung auf ehe Annäherung an die klassischen früheren Relationen gelt. Eine Bank, die stark im kurzfristigen Geschäft steht, wild heute mehr denn je auf eine möglichst hohe Liquiditit bedacht sein, zumal der Kapitalmarkt gegenwärtig ehe schnelle Umwandlung kurzfristiger Mittel in langfristige kaum zuläßt. Je schwächer der Kapitalmarkt ist, desto größere Bedeutung kommt dem Liquiditätsgrad zu: eine Feststellung, die in den Bankbilanzen für 1955 vermutlich eine weitgehende Berücksichtigung finden wird.

Die Ankündigung der Dividende von 10 v. H. – die gleiche Höhe wird auch bei den Großbankennachfolgem erwartet – hat die Befürchtungen zerstreut, die Anhebung der Mindestreserven im letzten Quartal 1955 könnte einen entscheidenden Einfluß auf die Rentabilität der Banken ausgeübt haben. Die Erhöhung der Mindestreserven hat sich für das Geschäftsjahr 1955 kaum auswirken können. Außerdem hat das gewachsene Außenhandelsgeschäft am Hamburger Platz etwaige Ausfälle wohl mehr als wettgemacht. Unangenehmer kann es dagegen in 1956 werden, zumal, wenn die BdL die Mindestreserven noch einmal erhöhen würde. Mit Recht wird in Bankkreisen darauf hingewiesen, daß währungspolitische Maßnahmen, über deren Zweckmäßigkeit hier nicht diskutiert werden kann, allein zu Lasten der Banken gehen, das heißt, daß sie für die stillgelegten Mittel noch obendrein die Zinsausfälle in Kauf zu nehmen haben.

Günstige Perspektiven ergeben sich durch die gefestigte Verbindung mit der Bayerischen Vereinsbank, die ein größeres Paket Aktien der Vereinsbank in Hamburg übernommen hat. Der Hamburger Platz, über den ein erheblicher Teil des westdeutschen Außenhandels bankmäßig abgewickelt wird, ist auf Gelder des Binnenlandes angewiesen. Sicherlich werden sich durch die engeren Beziehungen mit der Bayerischen Vereinsbank für das Hamburger Institut auf die Dauer wertvolle und nutzbringende Möglichkeiten für seine Kundschaft anbahnen lassen. K. W.