Über den großen Gesamtaufnahmen der letzten Zeit ist eine Anzahl von Einzelleistungen zu kurz gekommen:

Mozart, Streichquartette d-Moll (KV 421) und G-Dur (KV 387); Budapester Streichquartett (Philips A 01125 L). Beethoven, Streichquartett F-Dur op. 59, Nr. 1 Quartetto Italiano (Decca LXT 2742).

Ein schwieriges Problem ist für den Toningenieur immer wieder das Streichquartett, und zwar hauptsächlich wegen der solistischen Selbständigkeit der einzelnen Stimmen, die von der klanglichen Verwandtschaft der vier Instrumente her bedroht wird. Tatsächlich kann man die Fälle einer zuverlässigen Wahrung dieser Individualitäten bei gleichzeitiger Geschlossenheit des Tonkörpers an den Fingern einer Hand abzählen, und sie liegen vor allem durchaus nicht immer bei derselben Schallplattenfirma – sie wollen entdeckt werden. Mozarts „Jagd-Quartett“ bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft haben wir früher bereits einmal erwähnt, weitere Aufnahmen kommen jetzt hinzu. Zunächst sind es wieder zwei Mozart-Quartette, die die Budapester mit glücklicher Verbindung von Korrektheit und Grazie spielen; vor allem aber stellt Beethovens siebtes Streichquartett in F-Dur mit dem Quartetto Italiano eine Glanzleistung dar. Die geistvolle Nuancierung der Farbwerte und die Lebendigkeit der Kontraste lassen den Atem anhalten.

Joh. Seb. Bach, Goldberg-Variationen BWV 988; Wanda Landowska (Elektrola WALP 1139). Brahms, Paganini-Variationen op. 35; Andor Földes (Deutsche Grammophon Gesellschaft 16 049 LP). Beethoven, Eroica-Variationen op. 35; Friedrich Gulda (Decca NLXT 2594); Diabelli-Variationen op. 120; Mieczyslaw Horszowski (Vox PL 7730).

Das Variationenwerk ist eine Kompositionsform, die über eine unbegrenzte Vielfalt von musikalischen Miniaturgebilden hinaus durch Entfaltung auch technischer Inspiration zu wahren Kompendien für die Instrumente führen kann. Die gewaltige Stammutter der Gattung sind Bachs Goldberg-Variationen für Cembalo, die die unvergleichliche Wanda Landowska mit kristallener Tranzparenz und barockem Prunk vor uns aufbaut. Die bedeutendsten Werke aus neuerer Zeit sind diePaganini-Variationen für Klavier von Brahms. Andor Földes gibt ihnen eine ungemein plastische Darstellung. – Das Verbindungsglied zwischen diesen Eckpfeilern bilden Beethovens große Variationenwerke – sie besitzen auch menschlich einzigartige Bedeutung durch den sprühenden Witz, mit dem sie so reichlich gewürzt sind. Der Wiener Pianist Friedrich Gulda spielt die Eroica-Variationen mit Virtuosität und Elan, während Horszowskis Interpretation der umfassenden Diabelli-Variationen alle anderen Aufnahmen dieses Werkes an Tiefgründigkeit und technischer Meisterschaft überragt.

César Franck, Psyche für Orchester und Chor; Residenzorchester Den Haag / Niederländischer Kammerchor / Willem van Otterloo (Philips A 00262 L). Brahms, Deutsches Requim; Grümmer / Fischer-Dieskau / Chor der St.-Hedwigs-Kathedrale / Karl Forster / Rudolf Kempe (Elektrola WALP 1505/06).

Bei Philips ist endlich die Originalfassung mit dem Chor von César Francks Symphonischer Dichtung Psyche erschienen. Und was für eine großartige Aufnahme! Der Zwiespalt zwischen christlicher Religiosität und humanistisch-heidnischem Denken, einer der charakteristischen Züge in der Persönlichkeit dieses Meisters, dessen deutsche Abstammung ob ihrer grüblerischen Tendenz übrigens nicht ganz vergessen werden darf, kommt in dieser Aufnahme besser zur Geltung, als in der bekannteren Orchesterfassung; der Verzicht auf den Baß des Chors bewirkt zudem die seltsam anziehende Vorstellung einer griechisch-lichten Marmorfigur. – Mit dem Deutschen Requiem von Brahms führt sich der junge Dirigent Rudolf Kempe auf der Schallplatte ein, und er beweist gleich mit der Errettung des Werkes vom verständnislosen Vorwurf allzu großer Vordergründlichkeit seine große Meisterschaft. Unterstützt vom Chor der St.-Hedwigs-Kathedrale in Berlin und von den ätherischen Stimmen Elisabeth Grümmers und Dietrich Fischer-Dieskaus läßt Kempe die Totenklage wie aus jenseitiger Ferne in zarten al fresco-Farben erstehen. Chr.