Von Christian E. Lewalter

Wie mag es kommen, daß Gespräche über jene Malerei, die man summarisch die „moderne“ nennt, so oft und so schnell in hitzige Streitigkeiten pro und contra verfallen, daß so viele Bilder moderner Maler Schocks auslösen, Entsetzen hervorrufen, Ratlosigkeit, daß so viele Menschen unserer Tage, durchaus nicht unmusische, ja ausgesprochen kunsthungrige Menschen, das Gefühl haben, die Künstler ließen sie im Stich, spielten nur untereinander ein esoterisches Spiel mit Formen und Farben, dessen Spielregeln sie dem Laien hochmütig verheimlichen?

Der harmlose Trost, daß „das Neue“ sich immer erst nach einiger Weile durchgesetzt habe, verfängt hier kaum. Denn so „neu“ ist ja nun wieder die moderne Malerei nicht. Sie ist ein halbes Jahrhundert alt, und ebenso alt ist das Erschrecken über sie. Die Emgewöhnungsfrist müßte längst verstrichen sein. Daß sie es nicht ist, ja, daß sie eigentlich noch gar nicht begonnen hat, muß Gründe haben, denen man nachgehen sollte, ehe man sich auf das Urteilen über Werke, Künstler und Publikum einläßt.

Einer der Gründe liegt, wenn ich mich nicht irre, auf außerkünstlerischem Gebiet: Die photographischen Reproduktionstechniken haben das Angebot an abbildhaften Mitteilungen so anschwellen lassen, daß die heutigen Menschen geradezu umstellt sind von flächigen, aber Raum vortäuschenden Abbildern: auf Postkarten, in Zeitungen und Illustrierten, im Film, im Fernsehen und, last not least, im selbst aufgenommenen Amateurphoto. Auch die Malerei ist in diesen unwiderstehlichen Trend einbezogen worden: vom Zeitungsphoto nach einem Gemälde bis zum perfektionierten Vielfarbendruck in Originalformat ist die Kunst aller Zeiten der flüchtigen wie der andächtigen Betrachtung jederzeit zugänglich. Das Auge des heutigen Menschen hat sich gewöhnt, zu sehen, was zuvor die Kamera gesehen hat. Es erwartet daher auch von einem Gemälde, daß es ihm Gesehenes zeigt – und ist befremdet, wenn es auf einer Leinwand zwar farbige Formen wahrnimmt, aber nichts, was es „wiedererkennen“ kann.

Die glücklich-unglückliche Errungenschaft der Reproduktion gibt ja nun aber paradoxerweise auch die Möglichkeit, eben das im Abbild wiederzugeben, was so im Stich läßt, befremdet und erschreckt: die Werke der „modernen“ Malerei. Das tut der zweite, noch eben vor Weihnachten erschienene Band „des Haftmann“ (der erste hat sich schnell Standard-Charakter erworben):

Werner Haftmann „Malerei im 20. Jahrhundert. Tafelband.“ Prestel-Verlag, München. 517 S., wovon 344 Tafeln, zahlreiche Textabbildungen, 68,– DM.

In diesem reproduktionstechnisch musterhaften Band kann nun der Betrachter, von Haftmann geführt, nicht ganz ohne Lust an der verbotenen Frucht der „Abbildung“, zum erstenmal das ganze Œuvre der europäischen Malerei nach Cézanne, von Seurat bis zu Wols, überlisten. Da mögen dem Beschauer wohl Gedanken kommen wie diese, die er hier in aller Vorläufigkeit vorzubringen wagt: