Nun, da die Olympischen Winterspiele beendet sind, wollen wir einmal die Kehrseite der Goldmedaillen betrachten. Oft in diesen Tagen haben wir uns gefragt, ob das, was in Cortina d’Ampezzo zu sehen war, überhaupt noch etwas mit Sport zu tun hatte. Es war in vielen Sparten halsbrecherische Artistik, und die Bilanz der Unfälle und gefährlichen Stürze vor und während der Spiele ist erschreckend. Besonders die Entwicklung im Skilauf in den letzten Jahren beginnt einem alpinen Zirkus zuzustreben. Die heutigen Schnelligkeitsstrecken fordern den Wagemut und die Kühnheit der Läufer weit über die Grenzen hinaus, die die Vernunft gebieten sollte. Sie bedeuten vor allem für die Frauen eine ernste Gefahr. Schon vor Jahren bezeichnete ein besonders sachverständiger Mann unseres Skisports die Lage mit den bitteren Worten: "Letzter Schrei – Endstation Krankenhaus." Worauf damals unsere zweifache Olympiateilnehmerin Mirl Buchner (Gewinnerin der Bronzemedaille in Oslo 1952), die in Cortina d’Ampezzo schwer stürzte und ausschied, weiter nichts zu sagen wußte als: "Schaun’s, da muß doch keiner mitmachen. Das ist doch freiwillig, und wer koa Schneid hat un nix riskieren mag, der soll’s halt lassen."

Den vielen, die diesmal in Cortina auf der Verletztenliste standen, kann man Schneid wohl kaum absprechen. Aber niemand, der noch einmal diese elf Tage und alles, was davor geschah, überschaut, kann wohl dabei zumute sein. Schon die Vorkämpfe für die Weltwinterspiele forderten schnell hintereinander immer neue Opfer. Nennen wir die bekanntesten Sportler, die auf der Strecke blieben. In Grindelberg begann es, als die beiden Österreicherinnen Lotte Blatte (eine der größten Hoffnungen ihres Landes für Cortina) und Luise Jaretz schwere Beinbrüche erlitten. Am gleichen Tage verunglückte auch der Kanadier Anton Tommy in St. Anton mit einem doppelten Beinbruch. Kurz darauf wurde aus Grindelwald gemeldet, daß die Russin Olga Lisenko schwer verunglückt sei. Danach mußte der Österreicher Sepp Weiler in Oberammergau daran glauben, er wurde mit schweren Bänder- und Sehnenzerrungen und einem Bluterguß ins Krankenhaus eingeliefert. Zwei Tage darauf raste beim Training in Cortina ein belgischer Zweierbob über die Kurve hinaus, und die Mannschaft wurde mit komplizierten Armbrüchen und Rückgratverstauchungen aufgelesen. Wenige Tage vor Beginn der olympischen Kämpfe mußten wir unsere Skiläuferin Evi Lanig auf die Verlustliste setzen, sie hatte sich bei einem Sturz den Unterarm gebrochen. Ihr folgten bald danach der Rumäne Secui (Beinbruch) und der Italiener Steinthor (mit einem gebrochenen Fuß) ins Krankenhaus. Kaum waren drei weitere Tage vergangen, da lag die Hahnenkamm-Siegerin Sonja Sperl-Deutschland mit einem Beinbruch am Boden.

Die Italiener beklagten schließlich den Verlust ihrer beiden tüchtigen Damen Maria Grazzia Marchelli, die gerade eben nach einem früheren schweren Sturz wieder auf den Beinen stand, und Jole Poloni. Beide mußten ihre Knie eingipsen lassen. Alles in allem dürften etwa dreißig Sportler und Sportlerinnen, noch ehe der große Kampf begann, in die Krankenhäuser eingeliefert worden sein. Bei den Spielen selbst war es nicht besser. Cortinas Krankenhaus, das vierzig Betten hat, war überfüllt. Die Unfalliste während der Spiele wies fünfundvierzig Verletzte auf, mit den verschiedensten Bein-, Arm- und Knochenbrüchen, Kopfverletzungen, Bänder- und Muskelrissen. Darunter waren fünfunddreißig Skiläufer, wohlgemerkt, alles erprobte Kämpfer der ersten internationalen Klasse, und fünfzehn Eishockeyspieler, die ja gewohnheitsmäßig nicht zart miteinander umzugehen pflegen. "Stehen wir am Wegweiser zum Narrenhaus des Sports?" fragte mit vollem Recht Dr. Hermann Harster, ein besonders guter Kenner der Verhältnisse im internationalen Wintersport beim Abschluß der Winterspiele in Cortina.

Die Bobfahrer konnten diesmal zwar noch von Glück sagen, daß schwerste Stürze vermieden wurden, aber auch hier wurde wieder ein Spiel auf Leben und Tod gespielt. Obwohl mehrfach die Bahn völlig unbrauchbar war, und unter anderem auch der deutsche Streckenbeobachter immer wieder das Rennkomitee auf die große Gefahr, die allen drohte, aufmerksam machte und zum Abbruch der Rennen riet, wurde zunächst Bob um Bob weiter auf die Strecke gejagt, Erst als es gar zu schlimm wurde, entschloß man sich zum Abbruch des Rennens.

In Cortina tröstete man sich forsch, daß ein Beinbruch noch "kein Beinbruch" sei. Mit Todesverachtung stürzten sich die Wettkämpfer die steilsten Abfahrten hinunter, vor sich den Sieg oder das Krankenhaus und den Friedhof. Ehe es zu spät ist, sollte man sich wieder des erzieherischen Grundsatzes erinnern, den im Jahre 1913 der erste deutsche Olympiatrainer, der Deutschamerikaner Alwin Kränzlein (selbst einer der erfolgreichsten Olympioniken und vierfacher Gewinner einer Goldmedaille), unermüdlich lehrte: Alle Preise und Meisterschaften der Welt sind es nicht wert, daß um ihretwillen ein Athlet sich auch nur einen Tag nicht wohlbefindet, geschweige denn, daß er das Leben verliert. Maß halten, diese vornehme Lebensweisheit sollte gerade im Sport stets der tragende Gedanke sein. W. F. Kleffel