Aus gutem Grunde rät man dem Fernsehen ab, mit seinen Kameras ins Theater zu gehen und von dort eine Vorstellung direkt zu übertragen. Wo es doch geschah, ergab sich ein abscheuliches Zwitterprodukt, weder Theater noch Fernsehspiel. Fanatiker der Stilreinheit haben aus solchen trüben Erfahrungen den radikalen Schluß gezogen, daß sich das Fernsehen nur selber schade, wenn es sich mit dem Bühnendrama einlasse und daher am besten täte, ausschließlich die ihm eigenen Formen an originellen Stoffen zu entwickeln. Gegen diese esoterische Haltung spricht aber die einfache Überlegung, daß das Fernsehpublikum einen sehr viel größeren Kreis von Menschen umfaßt als das Theaterpublikum – vor allem eben auch solche Menschen, die kaum je Gelegenheit haben, ein Theater zu besuchen, und denen nun durch das Fernsehen, wenn es richtig gemacht wird, nicht nur ein „Ersatz“, sondern ein gleich starkes, ja unter Umständen intensiveres Miterleben vermittelt werden kann.

Als Glücksfall in dieser Hinsicht erwies sich die (hoffentlich nicht nur einmalige) Sendung von Lessings „Nathan“. Hier war es nicht, wie zum Beispiel bei Giraudoux’ „Undine“ oder Zuckmayers „Kaltem Licht“, nötig, durch Reduktionen und Ergänzungen eine „Fernsehfassung“ herzustellen – ein Verfahren, das auch bei äußerster Behutsamkeit die Dichtung vergewaltigt –, sondern man konnte das Original unangetastet lassen. Lessing hat-sein herrliches „dramatisches Gedicht“ ja nicht für die Bühne seiner Zeit geschrieben, schon darum nicht, weil das Thema zu sehr skandalisiert hätte. Der „Nathan“ ist, wenn man so will, ein „Lesedrama“, ganz auf den Dialog gestellt, auf die intime Wirkung des gesprochenen, dialektisch gezielten Wortes. Und eben dies macht ihn, ohne daß eine Transponierung notwendig wäre, zu einer idealen Fernsehdichtung.

Im Falle der Hamburger Sendung kam aber noch ein weiterer wesentlicher Glücksumstand hinzu. Es gastiert zur Zeit auf deutschen Bühnen die ungemein dichte und gehaltvolle „Nathan“-Inszenierung von Karl Heinz Stroux. Hier stand also ein Ensemble erlesener Darsteller (voran Ernst Deutsch in der Titelrolle) zur Verfügung, das ein in sorgsamster Probenarbeit gereiftes und schon in einer triumphalen Aufführungsserie bewährtes Zusammenspiel von einer Vollkommenheit entfalten konnte, die sich bei einem ad hoc im Studio einstudierten Spiel wohl niemals einstellen kann.

Was die etwa 500 000 Zuschauer auf ihren Fernsehschirmen zu sehen bekamen, war denn also weder eine „Übertragung“ aus dem Theater noch eine „Fernsehfassung“, sondern ganz einfach Lessings „Nathan“, vollendet gespielt und von den Fernsehkameras im Studio aufgenommen. Jean Pierre Ponelle hatte seine Bühnenbilder in den Dimensionen des Studios wiederholen lassen. Trotzdem ergab sich keinen Augenblick der Eindruck einer Theateraufführung, weil nämlich – gepriesen sei Lessing – sich für jede Szene die Möglichkeit einer großfigurigen Optik ergab. Das fatale Gewimmel kleiner Gestalten auf dem Schirm konnte vermieden werden; von allen geistigen Aspekten her spiegelte sich die Substanz der Dichtung auf den ausdrucksreichen Physiognomien der Darsteller.

So hatte also eine halbe Million Menschen Gelegenheit, sich in die wunderbar heiter-ernste Fabel des Stückes zu versenken und sich von Ernst Deutschs sprachlich wie mimisch auf Lessingschen Höhen wandelnder, ganz persönlich empfundener und ganz zu Kunst geläuterter Darstellung erschüttern zu lassen. Wenn dieser Nathan – kein Greis, sondern ein kräftiger, seines Tuns gewisser, aber durchaus leidenschaftlicher Mann in den besten Jahren – den Bericht von der Ermordung seiner Familie gibt, einen Augenblick lang sich wieder in die Anwandlung zum Haß fallen läßt, aber alsbald alle Bitterkeit überwindet, dann sickern Scham und bewunderndes Mitgefühl in die Herzen der Zuschauer, und es zeigt sich, daß wohl kaum ein anderes Werk der dramatischen Weltliteratur die Schaubühne so unmittelbar und dichterisch zwingend als „moralische Anstalt“ erweist wie „Nathan der Weise“. cel.