j. p., Hannover

Meine Mutter sagt, ich soll erst einmal richtig deutsch lernen“, antwortete vor kurzem ein kleines Hannoveraner Mädchen auf die Frage, was seine Eltern vom Unterricht im Plattdeutschen hielten, Die Frage wurde in einer Sendung des NDR gestellt, in der sonst – leider – nur bedingungslose Verfechter dieses Unterrichts zum Zuge kamen. Die Antwort der Mutter traf den Nagel genau auf den Kopf und läßt hoffen, daß die äußerst waghalsigen Pläne der Vorkämpfer des Niederdeutschen in dem manchmal ganz sicheren Instinkt der Bevölkerung eine Bremse finden werden. Die wäre sehr von Nutzen, denn diese Pläne sehen in der Tat zu weit. Man will das Nieder- oder Plattdeutsche an den Schulen und dort sogar den Flüchtlingskindern lehren, und man will diese lokale Mundart, in der „ein großer Teil der deutschen Literatur“ geschrieben worden sei, wieder in die Städte, auch in die großen, zurückbringen.

So schwer es fällt, eine derartige Donquixoterie ganz ernst zu nehmen, ganz unverständlich ist sie nicht. Wie alles, was sie anfaßten, haben die Nationalsozialisten die niederdeutschen Bestrebungen dadurch diskreditiert, daß sie sie forcierten. Die Reaktion darauf wurde nach Kriegsende aber weitgehend dadurch ausgeglichen, daß ein unverhältnismäßig großer Teil der Bevölkerung bis zur Währungsreform auf dem Lande zu leben genötigt war, also dort, wo das Plattdeutsche hingehört und auch hinpaßt. Dort soll es auch weiter gepflegt werden und auch in den Städten, soweit es Tradition in der Familie hat. Die Niederdeutschen Bühnen, die Heimatzeitung und sogar der Rundfunk tun ein übriges, und es scheint, daß dies „Übrige“ eine Menge ist. Schließlich leben wir aber in einer Zeit, die zu großen Gemeinschaftsbildungen drängt, in der Menschen, die aus gleichen geistigen Quellen leben, um die Beseitigung jener Schranken ringen, die sich in einigen Jahrhunderten zwischen sie geschoben haben. Muß nicht ein Plattdeutschunterricht an den Schulen in dieser Situation wie ein Rückfall in einen Provinzialismus erscheinen, der uns als Folge eines bis zur Lästigkeit übertriebenen Föderalismus auch auf anderen Lebensgebieten bedroht? Lieber sollte man dann, die nationale Ketzerei sei ruhig ausgesprochen, Englisch lehren als Plattdeutsch. Damit könnten die Kinder später etwas anfangen, und – sagen wir es ehrlich – gebildete Bauern, und deren gibt es in Niedersachsen nicht einmal wenig, würden das plattdeutsche Schrifttum in seiner Gesamtheit mit Freuden hingeben für das Werk von – sagen wir einmal – Shakespeare. Und sie würden noch etwas dazu geben, wenn sie den großen Engländer im Originaltext lesen könnten.

Außerdem weiß man doch, daß es Abiturienten, ja sogar promovierte Akademiker gibt, die noch nicht einmal ein korrektes Hochdeutsch schreiben können; ein trauriges Manko, gegen das auch Plattdeutsch nicht hilft. Wir sollten nie vergessen, welch großer Leistungen und welch großer Männer es bedurfte, um eine Sprache zu schaffen, die, allen Deutschen gemeinsam, ihre Gedanken und ihre Gefühle so vortrefflich auszudrücken vermochte, daß der Geist dieser Nation spät zwar, aber ganz ebenbürtig Eingang in die große Literatur der Welt fand. Daran gemessen nimmt das plattdeutsche Wort, soweit es überhaupt zur Literatur gehört, keinen großen, sondern einen nach Umfang und Bedeutung sehr kleinen Raum ein, und Werke, die man zur Weltliteratur rechnen könnte, finden sich darunter allenfalls zwei oder drei.

Die Mutter des kleinen Mädchens hatte schon ganz recht, auch wenn die Eltern der anderen Kinder, sei es, daß man sie für die Sendung entsprechend ausgesucht hatte, daß sie dem Gebot der Diplomatie gegenüber der Schule folgten oder tatsächlich für den Platt-Unterricht sind, sich nicht im gleichen Sinne äußerten. Wenn doch eine Stimme der ’Vernunft mehr wöge als zehn Stimmen der Gleichgültigkeit oder Urteilslosigkeit! Dann könnte das Niederdeutsche sehr wohl auf dem Platz bleiben, den es mit Ehren behaupten kann.