Vielleicht ist Poujade mehr als ein kleiner Tyrann

Von Indro Montanelli

Obwohl die Intellektuellen ihm gegenüber gleichgültige Verachtung zur Schau tragen, beunruhigt Poujade die französische öffentliche Meinung, Man sieht es an der Propaganda, die die Parteien gegen ihn machen, an den Gesprächen, die in den Salons geführt werden, aber besonders an den Witzen, die ihn jeden Abend im Théatre des dix heitres oder Chez Rigau oder in der Lüne rousse zum Gegenstand haben. Die Satire ist in Frankreich der wahre Maßstab dafür, ob jemand populär geworden ist oder nicht. Niemand denkt mehr daran, über De Gaulle oder Herriot oder Reynaud Witze zu reißen; und sogar Mendès-France ist von Pouj-adolf, wie sie ihn hier gern nennen, vollständig an die Wand gedrückt worden. Man ist fest davon überzeugt, daß Poujade, wenn die Wahlen sich sofort noch einmal wiederholen würden, nicht mit fünfzig, sondern mit hundert Abgeordneten ins Parlament einrücken würde.

Poujades Abgeordnete sind noch unbekannte Größen, auch was die einzelnen persönlich anlangt. Nur einen von ihnen kennt man schon etwas besser: Le Pen. 32 kommen direkt aus ihren Lebensmittelläden in das Palais Bourbon; 15 sind Handwerker; 3 stammen aus freien Berufen und 2 sind kleine Unternehmer. Zur Hälfte sind sie politisch noch unbeschriebene Blätter; 8 kommen von rechts; 6 sind Ex-Gaullisten, 5 Radikale, 4 Sozialisten und 2 christliche Demokraten. Doch all diejenigen, die aus anderen Parteien stammen, bekleideten dort nur untergeordnete Stellungen.

Gewohnt, beim Wein zu diskutieren

Es kann deswegen durchaus sein, daß sie, unbewandert wie sie in der Politik sind, sich und die Partei schnell in Mißkredit bringen. Meist sind es Leute, die gewohnt waren, ihre Diskussionen und ihre Probleme im gewohnten Bistro neben einer Flasche Beaujolais auszutragen. Für sie war das Regime pourri, die Parlamentarier alle crapules. Dagegen, so hatten sie argumentiert, half nur eines: einen eisernen Besen nehmen! Das sind nun Programme, die sich sehr gut anhören, wenn man sie mit einem handfesten Schlag auf den Ladentisch bekräftigen kann, während man ein Kilo Kalbfleisch oder Suppenknochen einwickelt. Von der Rednertribüne des Parlaments verkündet, wirken sie wahrscheinlich weniger überzeugend. Ich glaube auch nicht, daß die Abgeordneten Poujades wirklich oft die Rednertribüne betreten werden. Und wenn sie es tun, dann werden sie wohl Reden vorlesen, die sie nicht selber geschrieben haben. Die fünfzig Abgeordneten sind für Poujade nur Aushängeschilder. Jeder einzelne von ihnen hat, bevor er kandidierte, Poujade gleich für alle Fälle ein schriftliches Rücktrittsgesuch ausgehändigt. Die Anhänger von Mendès-France haben daraufhin Poujades Mandanten als nicht konstitutionell angefochten. Das war kein guter Schachzug; die öffentliche Meinung hat darauf zugunsten Poujades reagiert. Mit solcher Parteidisziplin will sich Poujade gegen peinliche Überraschungen sichern, wie sie der arme De Gaulle erlebt hat, den seine Abgeordneten einer nach dem andern im Stich ließen. Außerdem aber hat Poujade ein geheimes Politbüro aufgezogen, das seinen Abgeordneten wenig Bewegungsfreiheit läßt. Dort wird das Gehirn der Partei sein und nicht bei den einzelnen Deputierten. Dort sollen die Schlachtpläne entworfen und die Reden geschrieben werden. Von dort werden die Befehle für die fünfzig in das Palais Bourbon abkommandierten Strohmänner kommen.

Auch die Mitglieder dieses „Politbüros“ sind keine bedeutenden Persönlichkeiten, aber es sind doch meist Leute, die die Politik im Blut haben. Sie kommen von der Rechten und von der Schule Maurras: Paul Chevallet, Serge Jeanneret, Camille Fregy. Sie haben gut Geschichte studiert, besser als die meisten Vertreter der Linken. Sie werden jetzt versuchen, dem Poujadismus einen Inhalt zu geben.