E. G., Brüssel, im Februar

Während in früheren Jahren die hohen Löhne und demzufolge die hohen Gestehungskosten und Preise Belgien in seiner Entfaltung auf den Weltmärkten ernstlich behinderten, wirkte es sich im vergangenen Jahr für Belgien vorteilhaft aus, daß in den umliegenden Ländern die Löhne und Preise stiegen, während sie in Belgien ziemlich fest blieben. Der belgische Export erreichte 1955 dadurch die Rekordhöhe von 138 Mrd. bfrs, d. h. gut 20 v. H. mehr als im Vorjahr. Allerdings ist in den ersten Wochen des neuen Jahres bereits ein leichter Schatten auf dieses stattliche Ergebnis gefallen, da die Einzelhandelspreise allmählich wieder anziehen und sich dem kritischen Punkt nähern, an dem auf Grund der Kollektivverträge dann entsprechende Lohnaufbesserungen fällig werden.

Die belgische Regierung ist sich der damit verbundenen Gefahren durchaus bewußt und sie bemüht sich, dieser Aufwärtstendenz einen möglichst kräftigen Hemmschuh anzulegen, zumal die Einführung der 45-Stundenwoche, auch wenn sie zunächst nur probeweise vorgenommen wird, eine Reihe von Problemen auf wirft. So ist die Frage, wer die höheren Kosten zu tragen hat, zur Stunde noch nicht geklärt. Die Regierung schlug bereits vor, die für die Zechen entstehenden Mehrkosten auf die Industrie abzuwälzen. Doch hier macht man gewisse Vorbehalte, da die Industrie ohnedies in der Verkürzung der Arbeitszeit eine Gefährdung der wirtschaftlichen Stabilität befürchtet. Man weist darauf hin, daß die belgische Wirtschaft sehr konjunkturempfindlich ist, empfindlicher noch als die Wirtschaft anderer europäischer Länder, so daß eine Erhöhung der Produktionskosten ohne vorhergehende Steigerung der Produktivität fatale Folgen für das Land haben dürfte. Zwar sind hinreichend Anzeichen dafür vorhanden, daß sich 1956 die wirtschaftliche Expansion – wenn auch etwas ruhiger – fortsetzen wird, doch hält man es in Belgien für erstrebenswerter, das bisher Erreichte zu konsolidieren und nicht durch unvorsichtige Experimente ins Wanken zu bringen...

Was 1955 in Belgien, wohl unter dem Einfluß einer dynamisch wirkenden Weltkonjunktur, erreicht wurde, ist beachtlich. Zwar stieg die Steinkohlenförderung nicht in dem Maße, wie man es sich angesichts der Nachfrage im In- und Ausland gewünscht hätte, doch wurde immerhin ein Tagesdurchschnitt von etwa 110 000 t erzielt. Durch den Einsatz von italienischen und griechischen Grubenarbeitern erhöhte sich die Zahl der unter Tage Beschäftigten bis zum Jahresende bis auf 151 000 oder rund 4000 mehr als zu Anfang des Jahres. Auf Halde waren Ende 1955 nur noch etwa eine halbe Mill. t Kohle, gegen 4 Mill. t im Sommer 1954! Überhaupt sind die gängigen Sorten praktisch ausverkauft, und um der wachsenden Nachfrage genügen zu können, muß US-Kohle importiert werden. An Koks wurde 1955 über 1 Mill. t aus den USA eingeführt, nachdem die alten Hauptlieferanten, Deutschland und England, mit Rücksicht auf den hohen Eigenbedarf kaum noch die belgischen Bedürfnisse berücksichtigen konnten.

Die belgische Stahlindustrie arbeitet auf vollen Touren: Sie produzierte 1955 etwa 5,8 Mill. t (etwa 18 v. H. mehr als im Vorjahr), während die gleichfalls stark gestiegene Stahlproduktion Luxemburgs rund 3,2 Mill. t erbrachte. Der belgische Stahlexport nach den USA nahm um etwa 17 v.H. zu. Allerdings bleibt im Augenblick die Frage offen, ob dieser Export aufrechterhalten bleiben kann, da die, belgischen Produzenten, deren Kapazität bereits voll ausgelastet ist, trotz der dringenden Anfragen aus den USA ihre traditionellen Abnehmer nicht vernachlässigen wollen. Belgien ist daher darauf bedacht, den Amerikanern Fertigstahlerzeugnisse, wie Schiffe, Großbehälter, Rohrleitungen, Eisenbahnwaggons und Lokomotiven, Maschinen und Anlagen an Stelle des Rohstahls zu liefern. Der belgische Export nach den USA ist ohnedies steigerungsfähig, nachdem er z. Z. nur etwa 10 v. H. des belgischen Gesamtexports ausmacht.

Dank der industriellen Expansion nahm das Volkseinkommen in Belgien von 247 Mrd. bfrs in 1948 auf etwa 345 Mrd. bfrs in 1955 zu. Die Rüstungsausgaben konnten teilweise aus dem Steueraufkommen gedeckt werden, für die Fehlbeträge wurden Anleihen begeben. Die öffentlichen Investitionen stiegen von 9,3 auf 9,8 Mrd. bfrs. Auch wurde das Straßennetz in Belgien verbessert und erweitert. Im Baugewerbe herrschte Hochbetrieb; die Zulieferindustrie war dementsprechend gut beschäftigt. So stieg die Zementproduktion in den ersten elf Monaten 1955 um 17 v. H. auf 4,3 Mill. t. Die Glasfabriken erhielten außer den Inlandaufträgen auch noch umfangreiche Bestellungen von der amerikanischen Kfz-Industrie. Stark stimuliert die Herstellung von Baumaterial auch die Brüsseler Weltausstellung 1958.

Wirklich notleidend hingegen ist die belgische Textilindustrie, die erst gründlich modernisiert werden, muß, um auf den Weltmärkten überhaupt wieder konkurrieren zu können. Durch Schutzmaßnahmen – wie Steuererleichterungen und Zollerhöhungen, daneben Einfuhrerschwerungen für bestimmte Textilwaren – soll ihr die Möglichkeit gegeben werden, erst wieder einmal zu Atem zu kommen. Zu erwarten ist auch, daß von den 10 500 Textilbetrieben, die immerhin 230 000 Arbeitskräfte beschäftigen, eine Reihe von kleineren und weniger rentablen Unternehmen geschlossen wird.

Im Außenhandel gewann der europäische Markt spürbar an Bedeutung. Zwar steht Holland als Benelux-Partner immer noch an erster Stelle, doch ist ihm Westdeutschland bedenklich nahe auf den Fersen. Vor allem als Abnehmer belgischer Waren gewinnt die Bundesrepublik an Bedeutung, nachdem sich der Exportanteil Westdeutschlands am belgischen Gesamtexport von 9 auf 12 v. H. erhöht hat.