s. u., Bremen

Bundesfinanzminister Schäffer erschien am letzten Freitag nicht zur traditionellen Schaffermahlzeit der Bremer Kaufleute und Kapitäne. Er war rechtzeitig eingeladen worden, hatte auch zugesagt, aber drei Tage vor dem Brudermahl abgeschrieben, da dringende Besprechungen in Bonn sein Kommen unmöglich machten. Angesichts der finanziellen Neuforderungen der Westmächte war das sicherlich richtig. Aber, so fragt man sich in Bremen, hat der Verteidiger und Verleugner des „Juliusturms“ es vielleicht auch vermeiden wollen, sich einem so kritischen Gremium zu stellen, das durch Finanz- und Industrieexperten als Gästen aus dem Ruhrgebiet noch an Gewicht gewonnen hatte? „Schäffer meidet Schaffer“, lächelte man in der Weserstadt vielsagend, während Verkehrsminister Seebohm als zweiter geladener Gast der Bundesregierung über die seemännische Berufsausbildung und die in Aussicht genommene neue Seemannsordnung sprach.

Seit 1545 ist die Schaffer-Mahlzeit Tradition. Gereicht werden zu diesem historischen Essen: Hühnersuppe, Stockfisch, Braunkohl mit Pinkel (so heißen in der Landessprache die dazugehörigen Würste), Rauchfleisch, Kalbsbraten mit Selleriesalat, Katharinenpflaumen und gedämpfte Äpfel. Diese Mischung aus Bremer Hausmannskost und Seemannsgerichten spülten die 243 Festgäste mit Bordeaux-, Rhein- und Moselweinen und schließlich mit einem besonderen Seefahrtsbier aus silbernen Humpen hinunter. Das Besteck – es wird nur eins aufgelegt – wird zwischen den Gängen mit Löschpapier gereinigt. Verlauf und Ritus des Brudermahls sind in den alten Satzungen des „Hauses Seefahrt“ niedergelegt, wonach sich jeweils am zweiten Freitag im Februar die alten und siechen Kapitäne mit den Kaufleuten treffen, die ihnen die Mittel zu einem geruhsamen Lebensabend an Land geben.

Es zählt zu den höchsten Ehren in der Hansestadt an der Weser, zu den „Schaffern“ eingeladen zu werden oder gar einer zu sein. „Schaffen“ heißt nach alter Seemannssprache essen und nach späterer Bedeutung ein Fest herrichten. Folgerichtig können nur die Kapitalkräftigsten zum Schaffer gewählt werden. Dafür haben sie das Recht, zum Frackhemd statt einer weißen eine schwarze Fliege zu tragen, die Pflicht, während des stundenlangen Mahles zu dritt elf Reden zu halten (auf das Staatsoberhaupt, den Senat, die Schiffahrt, den Handel usw. bis zu den allerdings nicht eingeladenen Damen), und sie haben das Verdienst, eine Tradition fortgesetzt zu haben, die zu Bremen gehört wie das Rathaus und der Roland. Die diesjährige Büchsensammlung während des Mahles zugunsten des „Hauses Seefahrt“ ergab die Rekordsumme von 39 621 DM.