Dd., Wiesbaden

Nach Dienstschluß darf ein Polizist angetrunken sein. Nach Dienstschluß darf ein Polizist notfalls Amtshandlungen vornehmen. Also darf ein angetrunkener Polizist Amtshandlungen vornehmen. Weil er das noch nicht wußte, starb in der Nacht zum 18. Oktober 1949 vor dem Frankfurter Hauptbahnhof der 32jährige Taxifahrer Willi Kurt Albrecht. Er hinterließ eine Frau und zwei Kinder. Das Geschoß, das ihm die Schlüsselbein-Schlagader zerriß, stammte aus der 9-mm-Pistole des Polizeibeamten Walter Schneider. „Wer sich in die Nähe der Pistole begab, konnte eben Pech haben“, erklärte jetzt Landgerichtsdirektor Dr. Nickel als Vorsitzender des Wiesbadener Schwurgerichts.

Walter Scheider, damals 25 Jahre alt, war Polizist im 15. Revier, dessen Bezirk noch heute zu den unruhigsten und schwierigsten der Mainmetropole gehört. Am 18. Oktober 1949 ging er gegen 16 Uhr mit einem Kollegen in ein Lokal der Innenstadt. Dort wurden Runden ausgeknobelt, bis der Kollege vor, seiner besseren Hälfte heimgeholt wurde. Schneider, der acht bis zehn Glas Exportbier und einge Schnäpse getrunken hatte, fiel in einen tiefen Schlaf, der bis zur Polizeistunde andauerte. Um ihn loszuwerden, brachte der Gastwirt den jungen Polizisten mit kalten Umschlägen, wieder zu sich. Es befanden sich um diese Zeit etwa 1,9 Promille Alkohol in seinem Blut.

Vor dem Hauptbahnhof sah Schneider zwei Männer und ein Mädchen. „Einer zog das Mädchen am Arm. Ich dachte: vielleicht ist sie aus der Ostzone und soll in ein Kuppelquartier verschleppt werden.“ (Er deutete die Szene falsch. Dazu der Sachverständige: Zwischen 1,8 und 2 Promille treten schon Situations – Verkennungen auf.) „Der Mann, der das Mädchen gezogen hatte, drehte sich um und stieß mich. Er war anscheinend erschrocken. Daher wollte ich seine Personalien überprüfen. Er ging auch mit. Aber der andere Mann rief einige Leute heran, die bei den Taxen gestanden hatten. Sie nahmen Stellung gegen mich. Mit der Zeit wurden die Zurufe lauter und aggressiver. Ich pfiff auf meiner Signalpfeife. Aber die Kollegen von der Straße hörten mich nicht. Auf einmal bekam ich einen Schlag ins Gesicht. Dann kamen von allen Seiten Schläge, zuletzt einer auf den Hinterkopf. Die Lichter des Bahnhofs tanzten vor meinen Augen. Ich dachte noch: nur nicht zu Boden gehen! Ich erwachte davon, daß die Schläge aufhörten. Es roch nach Pulver. An einer Seite fiel ein Mann um. Da wußte ich: es ist ein Schuß gefallen.“

Bei dieser Aussage ist Schneider seit 1949 geblieben. Die übrigen Zeugen erinnern sich nur noch dunkel an den Vorfall. Aber der 45jährige Kranfahrer Sebastian Heidenreiter dem das Pistolengeschoß den kleinen Finger der linken Hand anschlug, ehe es seinen Kollegen Albrecht tödlich traf, weiß noch: „Der Mann mit dem Gabardinemantel, der bei der Frau gestanden hatte, rief: ‚Kommt doch mal rüber, hier ist ein besoffener Polizist.‘ Der Beamte hatte glasige Augen. Ich sagte zu ihm: ‚Mach doch keinen Wirbel. Wenn du betrunken bist, geh’ heim. Oder pfeif doch, damit Polizei kommt, die Dienst hat.‘ Er pfiff. Es gab zuerst einen kläglichen Ton. Keiner kam. Alles lachte. Dann sah ich, wie der Polizist dem Sawatzki ins Gesicht schlug. Er bekam aber auch selbst Schläge. Er knöpfte seinen Mantel auf, holte eine Pistole raus und schlug damit dem Albrecht ins Gesicht. Als der Lauf auf mich zeigte, griff ich danach, aber schon ging der Schuß los.“ Andere Zeugen bestätigten, daß Schneider beschimpft und geschlagen wurde. Als er die Pistole zog, packte ihn einer von hinten an den Armen, um ihn am Schießen zu hindern und ihm die Waffe zu entwinden. Als der Polizist sich aus dem Griff befreien wollte, fiel der Schuß.

Am 18. Oktober 1949 erklärte der damalige Frankfurter Polizeipräsident Klapproth: „Der zum Verbrecher gewordene Beamte wird seiner gerechten Strafe zugeführt werden.“ Am 1. März 1950 wurde Schneider vom Frankfurter Schwurgericht wegen fahrlässiger Tötung zu eineinhalb Jahren Gefänignis verurteilt. Der Staatsanwalt hatte acht Jahre Zuchthaus beantragt. Am 7. November 1950 wurde er im Revisionsverfahren freigesprochen, am 26. Febr. 1953 in einem erneuten Revisionsverfahren wegen fahrlässiger Tötung zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Am 8. Februar 1956 verkündete das Schwurgericht Wiesbaden folgendes Urteil: „Der Angeklagte wird freigesprochen. Die Kosten einschließlich der notwendigen Auslagen der Verteidigung trägt die Staatskasse.“ Der Beamte, so begründete Landgerichtsdirektor Dr. Nickel, war bei einer rechtmäßigen Amtshandlung, als er die Personalien jenes Passanten kontrollierte. Die anderen Passanten hatten keinen Anlaß, sich um die Personalienfeststellung zu kümmern. (Kein Wort davon, daß der Menschenauflauf entstand, weil der Angeklagte unter Alkohol stand.)

„Schneider wurde inmitten einer aggressiven Meute das Opfer von Tätlichkeiten und Beschimpfungen. Es war ein Schulfall für extreme Notwehr. Er war zu jedem Mittel berechtigt. Selbst wenn er um sich geschossen hätte, wäre ihm daraus kein Vorwurf zu machen.“

Mit einem Freispruch mangels Beweise hatte diesmal auch die Staatsanwaltschaft gerechnet. Der Freibrief jedoch, den Dr. Nickel der Polizei ausstellte, und die Glorifizierung des Angeklagten kamen völlig überraschend; besonders da der Schwurgerichtsvorsitzende in früheren Prozessen durch scharfe Kritik an den Exekutivorganen, an Regierungsbürokratie und Verfassungsschutz, hervorgetreten ist...