Wer viele Stunden in verdunkelten Räumenzu verbringen pflegt, um dort auf eine rechteckige, beleuchtete Fläche zu blicken, auf der eine Vielzahl beweglicher Bilder an seinen Augen vorüberzieht, die aneinandergereiht das ergeben, was man im Sprachgebrauch als Film bezeichnet, der muß allmählich erkennen, daß eine gewisse Sorte von Filmen ihm eine Welt zeigt, die mit keiner vergleichbar ist, die wir kennen oder von der wir je gehört haben. Um einige dieser Filme beim Namen zu nennen: Es ist die Welt von Filmen wie „Suchkind 312“, „Der letzte Mann“, „Roman einer Siebzehnjährigen“, „Vor Gott den Menschen“, „Ein Mann vergißt die Liebe“, „Roman eines Frauenarztes“, „Bekenntnis der Ina Kahr“. Die Welt der gepflegten Unterhaltungsfilme.

Wer sich mit unserer Wirklichkeit einigermaßen vertraut fühlt, muß von dieser Filmwelt hilf- und ratlos Kenntnis nehmen. Nicht wie Atlantis aus dem Meer, sondern aus den Filmstudios, aus den Gehirnen der dort beschäftigten Autoren, unter den Händen von Regisseuren ist sie aufgetaucht, finanziert mit den Geldern von Produzenten, Verleihern und Banken, die es sich viel kosten lassen, weil sie das Geld ja wiedererhalten von einem geduldigen Filmpublikum, das den Eintritt in diese Welt willig bezahlt. Wenn uns die Menschen dieser Filme fremdartiger vorkommen als die Ureinwohner von Feuerland, so darum, weil es keine Menschen sind. Jedenfalls sind mir Menschen wie sie Dieter Borsche, Willi Birgel, Rudolf Prack, Sonja Ziemann, Winnie Markus, Inge Egger zu spielen haben, im Leben noch nie begegnet.

Alles Menschliche geht ihnen ab. Nicht nur, daß sich Borsche (wie seine Zunftkollegen) nie schneuzt, ist verwunderlich – und welcher Schauspieler dürfte bei den Aufnahmen zu diesen Streifen nicht gelegentlich die Nase voll haben? – auch, daß er sich nie die Fingernägel schneidet, nie eine Socke hochzieht, eine Krawatte zurechtzupft, daß er sich nie verhaspelt, nie stolpert, nie irgendwo anstößt, das eben macht ihn ja so unmenschlich. Nicht an den schauspielerischen Fähigkeiten dieses oder anderer Schauspieler liegt es. Sie stehen hier gar nicht zur Diskussion. Es liegt am Prinzip. An der Konzeption dieser Art von Filmen. Und vor allem: an der mangelnden Liebe der Autoren und Regisseure zu den von ihnen geschaffenen Figuren. – Sie lieben auch die Objekte nicht, von denen diese Schattenwesen umgeben sind. Sie haben kein Verhältnis zu einem wesentlichen Element des Films: dem Realismus. Darum leben diese Menschen, die keine sind, auch fast durchweg in Städten, die nicht genannt werden. Und sie leben in Wohnungen, die keiner von uns je betreten hat. Vielleicht verkehren wir alle in den falschen Kreisen, aber Wohnungen wie in den Filmen „Frucht der Liebe“, „Suchkind 312“ oder „Roman einer Siebzehnjährigen“ gibt es nur im Filmatelier. Und selbst, wenn es sie in ihrer palastartigen Pseudo-Vornehmheit, in ihrer abscheulichen Großmannssucht gäbe, selbst dann sähe es in ihnen, wären sie von Menschen bewohnt, anders aus. Dann wären Aschenbecher gefüllt, lägen Apfelsinenschalen auf dem Tisch, hing mal ein Schal über einer Stuhllehne, wären Zeitungen ausgebreitet – nun, wir wissen, wie bewohnte Wohnungen aussehen.

Nichts gegen Ordnung und Sauberkeit. Aber alles gegen pure Sterilität. Und gegen Lässigkeit im Detail. In Lokalen wird nur in großen Scheinen bezahlt, die nicht gewechselt werden, und betreten diese Schattenwesen solche Lokale, hebt die Musik natürlich gerade zu spielen an. Wenn wir hereinkommen, hat sie meist „Große Pause“. So großzügig, nein, oberflächlich, wie man hier mit der Wirklichkeit umspringt, so gedankenlos läßt man auch die optische Logik außer acht. In einem der genannten Filme unterhält sich ein Ehepaar im Wagen. Es gießt in Strömen. Die Kamera steht etwa drei Meter vor der Windschutzscheibe. Frage: Was kann man von dort, wo die Kamera, also auch der Zuschauer steht, von diesem Gespräch hören? In diesem Film: jedes Wort.

Was man aber in Filmen dieser Art nicht hört: Straßengeräusche, die in der Wirklichkeit ein Gespräch untermalen oder übertönen; Lärm, der von draußen in ein Zimmer dringt; Radiomusik aus der Nachbarwohnung. Noch nie hat man es in diesen Filmen erlebt, daß jemand eine Wohnung betrat, in der ein Radio laut tönte und auch während der folgenden Szene nicht abgestellt wurde. Das gibt es eben auch nur in der Wirklichkeit. Kennen sie diese Wirklichkeit nicht, unsere Filmmacher einer Welt der Abziehbilder? Sind sie etwa blind, taub? Anscheinend. Und obendrein fehlt ihnen jeder Sinn für Nuancen, für Formen. Da besucht eine Frau ihre Rivalin („Ina Kahr“), um mit ihr ein entscheidendes Gespräch um den von beiden geliebten Mann zu führen. Bietet vielleicht die Hausfrau dem Gast einen Stuhl an? Eine Zigarette? Ach, mit solchen Kleinigkeiten halten wir uns nicht auf.

Um so genauer ist man in anderen Details: Gehen Arzt- oder Anwaltsgattinnen ins Ballett oder in die Oper – während der Arzt gerade Blinddärme herausnehmen oder der Anwalt Klienten besuchen muß, woran ja diese ganzen Eben kranken – sitzen diese Damen nie im Parkett. Das wäre unfein. Sie sitzen in der Proszeniumloge. So viele gibt es davon gar nicht, um solche Filmdamen alle aufzunehmen.

Auf die Themen der Filme aus der Schattenwelt einzugehen, liegt nicht im Rahmen dieser Betrachtung. Das wäre ein allzu weites Feld. Die Dialoge – man muß sie wenigstens erwähnen. Seit Gerhart Hauptmann wissen wir, wie dichterisch unsere Alltagssprache klingen kann. Für die feine Welt jener Filme aber ist sie zu profan. Darum wurde von den Autoren eigens eine Umgangssprache geschaffen, die flach ist wie eine Rasierklinge, stumpf wie eine Reibekeule und schwer an Bedeutung wie ein Kohlendampfer. Da die Regisseure besonderen Wert auf deutliche Aussprache legen, ist dafür gesorgt, daß keine der unsäglichen Plattitüden verloren geht.