Man darf es sich auch nicht zu leicht machen. Die Industrie- und Handelskammer zu Bonn, deren Berichte sich durch eine kräftig-anschauliche Sprache auszeichnen, ist dieser Gefahr erlegen, als sie neulich schrieb:

„... Einwände gegen eine Fortführung der Steuerreform werden mit einer Überhitzung der gegenwärtigen Wirtschaftslage begründet. Daß eine Überhitzung der Konjunktur für den Bezirk der Industrie- und Handelskammer Bonn nicht festgestellt werden kann, wurde bereits in den vorangegangenen Quartalsberichten betont. Die gleichen Feststellungen wurden auch von den anderen Kammern des Bundesgebiets getroffen. Damit entfällt die Grundlage für die Argumentation des Bundesfinanzministeriums.“

Ganz so einfach ist die Sache ja nun wieder nicht! Selbst wenn „die anderen Kammern“ die Erscheinungen der Übernachfrage (wie man nun endlich, aus Gründen der terminologischen Sauberkeit an Stelle der Metapher „Überhitzung“ sagen solte) noch nicht zur Kenntnis zu nehmen geruhten – selbst dann wäre es erforderlich, die vom Schäffer- und Erhard-Ministerium geprägte, von den Wissenschaftlerbeiräten der Ministerien gestützte These exakt zu widerlegen... worum wir uns hier, in der ZEIT, ja immer wieder aufs neue bemühen. Aber es ist ja nicht so, daß „die anderen Kammern“ das Vorliegen einer Übernachfrage schlankweg ableugneten! Mag auch da und dort das Vorgehen der Bank deutscher Länder gegen Überexpansion und Übernachfrage kritisiert werden – aus zahlreichen Veröffentlichungen und manchen Gesprächen mit den Vertretern bedeutender westdeutscher Kammern ist uns jedenfalls bekannt, welche Sorgen man sich dort macht: wegen der Überspannung derLieferfristen, der Tendenz zur Wiedereinführung von Gleitpreisklauseln, der Überforderung des Baumarktes, der Arbeitsmarktlage... Sind die Auftragsbestände und Lieferfristen bei den „nicht oder nur zum Teil saisonabhängigen Wirtschaftszweigen“siehe Seite 2 des letzten Quartalsberichts der Kammer Bonn – etwa noch normal? Ist es normal, daß (durch überhöhte. Lohnzugeständnisse – siehe Seite 3 des gleichen Berichts!) Preiserhöhungen hervorgerufen worden sind: „bei der Kupferverarbeitung, der Fahrzeugteile-Industrie, dem Maschinenbau, dem Transformatorenbau und bei einigen feuerfesten Erzeugnissen, sowie bei Rohglas“? Ist der gespaltene Kohlenpreis, an dem manche Leute in Bonn festhalten wie am Evangelium, etwa normal – ist er nicht, marktwirtschaftlich gesehen, eine Monstrosität? Und was wird geschehen, wenn der marktgerechte Kohlenpreis sich schließlich doch durchsetzt? Der Bericht der Kammer Bonn spricht in diesem Zusammenhang von „mit Sorge erwarteten Auswirkungen eventueller Erhöhungen der Kohlenpreise“ seitens der eisenverarbeitenden Industrie. Aber nicht nur diese wäre von einer „marktkonformen Lösung“ des Dilemmas bei den Kohlenpreisen betroffen! Es liegt ja wohl die Frage nahe, wie es zu diesem Dilemma überhaupt kommen konnte, ohne daß eine Übernachfrage – die ja eben abgestritten wird! – gegeben war ...

Leider ist die Aufzählung der Preiserhöhungen, über die von der Kammer Bonn aus eigener Anschauung berichtet wurde, noch recht unvollständig. In den letzten Tagen wurde gemeldet. Haushaltsartikel (aus Metall, Holz, sowie Korb- und Bürstenwaren) beim Groß- und Einzelhandel um 5, 10 und 15 v. H. teurer; Haushaltsgeräte und Geschirr aus Stahl und Aluminium (!) um 5, 8 und 10 v. H. teurer; Bestecke 6 bis 12 v. H. teurer; Keramikwaren 3 bis 5 v. H. teurer; Möbel 5 bis 8 v. H. teurer; Papierwaren 6 bis 15 v. H. teurer; Photomaterial demnächst „erheblich“ (bis zu 20 v. H.!) teurer ... Wo bleiben da die segensreichen Folgen des „psychologischen Feldzugs“, der „Seelenmassage“? Offenbar ist doch jetzt der Punkt erreicht, wo mit „gutem Zureden“ allein (und auch mit dem „Dolch im Gewande“) nichts mehr auszurichten ist Man wird also der Übernachfrage mit anderen und drastischeren Mitteln begegnen müssen... ... Das wird auch im jüngsten Monatsbericht der Bank deutscher Länder angedeutet. Er spricht von den „kreditpolitischen Intensionen des Zentralbanksystems, die weiterhin auf eine Deschränkung der Kreditexpansion hinzielen, und stellt dazu fest, daß

„die Bank nicht zögern wird, dieser Politik durch neue Maßnahmen Nachdruck zu verleihen, wenn die – auf längere Sicht – vermutlich auch weiterhin recht kräftigen Auftriebstendenzen der Konjunktur eine Stärke zu erlangen drohen, mit der für das ohnehin schon labile Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage weitere Gefahren verbunden wären.“

Aus dem weiteren Inhalt des Berichts ist zunächst hervorzuheben, was über die noch immer erstaunlich hohe „Geldmarktempfindlichkeit“ des westdeutschen Kapitalmarktes gesagt wird – wie es ja überhaupt frappierend ist, daß trotz der eklatanten Kapitalknappheit, also trotz des Mangels an „Geld“, bei uns mehr investiert wird, als anderwärts in der Welt, und auch mehr, als den Beschaffungsmöglichkeiten (an Kohle, Walzzeug, Baukapazitäten u. a. m.) entspricht: wie die steigenden Einfuhrzahlen einerseits, die Überbeanspruchung der Kapazitäten andererseits erkennen lassen. Gewiß ist in den beiden „saisonstillen Monaten“, die nun hinter uns liegen, der Auftragsbestand für einige wichtige Investitionsgüter nicht annähernd so stark gestiegen, wie in dem vergleichbaren Zeitabschnitt vor Jahresfrist – aber: sind denn die Statistiken über den Auftragseingang „richtig“? Nach dem, was in den Berichten der Dortmunder Industrie- und Handelskammer zu lesen war, nehmen die Walzwerke neue Aufträge nur in dem Maße herein, wie ihre Kundschaft nachweisen kann, daß sie „früher“ (in einer vor dem boom liegenden Referenzperiode) Ware von ihnen bezogen hat... Was also bedeutet, daß längst nicht jeder Käuferwunsch zum Zuge kommt, daß die Bestellungen „gefiltert“ werden, und daß in der Auftragsstatistik nur jener Teil erscheint, der das „Filter“ passiert hat!

Dazu kommen noch immer sehr hohe Auslandsauftrage; dazu kommen die ersten größeren Bestellungen für die Ausrüstung und Unterbringung der Streitkräfte; dazu kommt die steigende Investitionsneigung der konjunkturell (mit gebesserten Absatz- und Auftragsverhältnissen) „nachziehenden“ Konsumgüterindustrie. Und schließlich – auch darauf verweist der Monatsbericht der Zentralbank – wird der Drang zu immer neuen Investitionen gefördert durch die für die Abschreibungen geltenden Regelungen‚ die „im Rahmen des bestehenden Steuersystems praktisch den wichtigsten Ausweg bilden, um sich den noch immer hohen Steuersätzen zu entziehen“. Die Methode der progressiven Abschreibung wirkt ganz besonders „investitionsanreizend“, wenn sie erst einmal einige Jahre in Anwendung ist, wie sich nun zeigt... Es ist wahrhaftig schwer, die Investitionen auf das rationelle Maß zu begrenzen, also solche Kapazitätsausweitungen, die nur steuertechnisch bedingt sind, zu verhindern; das einzige praktikable Mittel wäre ja doch wohl die lineare Steuersenkung – also fort mit dem Notopfer Berlin!