Von Dolf Sternberger

Im Mai des Revolutionsjahres 1848 ging Heine zum letztenmal aus. Sein Freund Meissner schildert die ebenso bedrückende wie phantastische Szene, wie der Dichter, halb blind, halb gelähmt, am Stocke sich hinschleppend, vor den aufgeregten Volksmassen der Boulevards sich in den nahgelegenen Louvre flüchtete, dessen Räume still und leer waren. „Plötzlich stand er vor dem Ideal der Schönheit, vor der lächelnden, bezaubernden Göttin, dem Wunderwerk eines unbekannten Meisters, der Venus von Milo, die im Laufe der Jahrhunderte ihre Arme, aber nicht ihre Reize verloren hat. Von dem Anblick überrascht, bewegt, durchschnitten, fast entsetzt, taumelte der Kranke zurück, bis er in einen Stuhl fiel, und heiß und bitter strömten die Tränen über seine Wangen.“ Danach hat er das Haus nicht, das Bett kaum mehr verlassen.

Der Augenblick ist wie ein Abriß seiner Existenz. Zwischen der Revolution auf den Straßen und dem Bild der Schönheit, als welches die Zeitgenossen die antike Göttin auffaßten, finden wir ihn mitten inne, im Zusammenbruch den Aufruhr fliehend, von dem Eindruck der schönen Gestalt erschüttert, weinend mitten inne zwischen den bedrängenden Figuren seiner höchsten Träume. War er ein Revolutionär? – Er war ein Freund der Revolution – der Revolution mehr als des Volkes – und ein Freund des Landes der Revolution, Frankreichs, in jedem Fall ein Apostel der Freiheit. Das Wort „Apostel“ ist hier nicht einmal ein Metapher, denn er meinte zuzeiten wirklich, eine neue Religion mit heraufzuführen, die Religion St. Simons, die Religion der Positivisten, eine „Religion der Freude“ nach seinem eigenen Wort, die Verpflanzung der Seligkeit auf die Erde. War er ein Ästhet? – Er war ein Erotiker mehr als ein Ästhet, der Liebe mehr zugetan als dem statuarisch-klassischen Dasein des Schönen, dem Reiz und Charme, der sinnlichen Beseligung mehr erschlossen als dem interesselosen Wohlgefallen, zu aufrichtig und zu wach, als daß er zum Ideal verklärt hätte, was Gegenstand der Lust war, aber stets unglücklich, selbst wo er glücklich liebte, und daher zuzeiten von der übermenschlichen Hoffnung erfüllt, der Mensch könne und werde von seinem Ungenügen sich selbst erlösen.

Die Vorrede zu „Deutschland, ein Wintermärchen“ (vom Jahre 1844) enthält sein utopisches Bekenntnis, worin die Revolution und die Venus vereint sind, und seine eigene Existenz, diejenige des Dichters in der Fremde, beiden zugesellt wird: „...wenn wir das arme, glückenterbte Volk und den verhöhnten Genius und die geschändete Schönheit wieder in ihre Würde einsetzen, wie unsere großen Meister gesagt und gesungen...“

Das Volk, der Genius und die Schönheit: das ist die Dreifaltigkeit, die aus der Unterdrückung, aus der Vertreibung und aus dem Philistertum herauszuholen er aufgerufen hat in den freilich selteneren Momenten, da die unbändige Hoffnung oder die Schwarmgeisterei seinen kritischen Geist überschwemmte. Die Front ist gegen Feudalismus, Kirche und Theologie gerichtet. Das Christentum wird getadelt – genau wie nachmals von Nietzsche –, die Sünde erst in die Welt gebracht zu haben. „Die Menschheit ist aller Hostien überdrüssig und lechzt nach nahrhafterer Speise, nach echtem Brot und schönem Fleisch“: Das ist ein halbes Jahrhundert vor „Jenseits von Gut und Böse“ geschrieben. Wir sind betroffen von der ungeheuerlichen Zuversicht, daß nicht allein die romantische Zerrissenheit, seine eigene poetisch-politische Zerrissenheit, nein, daß die Zerissenheit des Menschen schlechthin geheilt werden könne durch einen enthusiastischen Entschluß: „Die nächste Aufgabe ist, gesund zu werden, denn wir fühlen uns noch sehr schwach, in den Gliedern“, heißt es in „De L’Allemagne“, und diese Gesundheit bedeutet nichts anderes als den Frieden zwischen Leib und Seele, die Wiederherstellung ursprünglicher Harmonie. Oder, wie es in den „Neuen Gedichten“ (Seraphine 7) im Stile einer vergnügten Parodie auf den Tonfall und Wortschatz pietistischer Kirchenlieder heißt:

„Vernichtet ist das Zweierlei,

Das uns so lang betöret,