Die alten Schriftrollen, die in den letzten Jahren in Höhlen am Nordwestufer des Toten Meeres in der Nähe des Klosters Qumran gefunden wurden, sind jetzt von englischen, amerikanischen und israelischen Wissenschaftlern fast ausgewertet. Obwohl ein offizielles Untersuchungsergebnis noch nicht vorliegt, scheint es doch so zu sein, daß die Deutung dieser Schriftrollen in wichtigen Punkten eine Kontroverse mit den Theologen auslösen wird. Wir geben einen ersten Bericht über den Stand der archäologischen Untersuchung, der aber, da ja endgültige Resultate noch nicht vorliegen, nur den Charakter der Vorläufigkeit haben kann.

Anfang Februar kam aus Jerusalem die Kunde, daß es dort gelungen sei, die letzte der ursprünglich sieben „Tote-Meer-Schriftrollen“, die 1947 in einer Höhle am Nordwestufer dieses Meeres gefunden worden waren, zu entrollen und zu entziffern. Aus dem Inhalt eines im Jahre 1948 entzifferten Fragments dieser Rolle hatten amerikanische Wissenschaftler geschlossen, daß es sich um die „Apokalypse des Lachmed“, der nach der Bibel der Sohn Methusalems und der Vater Noahs war, handeln könnte. Dieses Werk ist nur in einer alten griechischen Schrift namentlich erwähnt, im übrigen völlig unbekannt.

Vor einem Jahr hatte die Hebräische Universität in Jerusalem die lederne, eng zusammengepreßte, brüchige Schriftrolle, die allen amerikanischen und britischen Versuchen einer Öffnung widerstand, kaufen können. Die schwierige Aufgabe, das Leder wieder biegsam zu machen und auf diese Weise die Voraussetzung für ein Entrollen zu schaffen, gelang Professor James Biberkraut in monatelanger Arbeit. Er wurde hierbei von den Professoren Nachman Avigad und Yiagel Yadin unterstützt.

Aus dem bisher entzifferten Inhalt ergibt sich, daß es sich um eine aramäische Version von vier Kapiteln des ersten Buches Moses handelt, in die Geschichten und Legenden über die Erzväter eingeflochten sind. So ist zum Beispiel im zwölften Kapitel, in dem Abrahams Reise nach Ägypten und der Raub Sarahs durch Pharao geschildert wird, eine minuziöse Beschreibung der Schönheit Sarahs enthalten.

Im dreizehnten Kapitel, in welchem Abraham von Gott die Weisung erhält, kreuz und quer durch das Land Kanaan zu ziehen, enthält der Text der Rolle einen in der Ichform geschriebenen Bericht über das, was Abraham auf dieser Reise sah. – Im vierzehnten Kapitel werden weitere topographische Einzelheiten in Verbindung mit dem Kampf der Könige im Tal von Siddim in der Nähe des Toten Meeres gegeben, wobei der in der Genesis genannte König Melchisedek, von Salem als König von Jerusalem bezeichnet wird. – Im Kapitel fünfzehn, in dem Abraham ein Sohn versprochen wird, ist nach den Angaben der übersetzenden Professoren im Text der Rolle ein „Zwiegespräch zwischen Abraham und seinem Weibe über diese Frage“ eingeschaltet worden.

Die Handschrift der Rolle scheint derjenigen auf einer anderen Rolle zu ähneln, die den „Kampf der Söhne des Lichts gegen die Söhne der Finsternis“ schildert. Aus dieser Ähnlichkeit hat man geschlossen, daß die Rolle vor 2000 Jahren geschrieben wurde. Die Hebräische Universität hat entschieden, daß weitere Einzelheiten erst mit der Veröffentlichung von vier verhältnismäßig gut erhaltenen Abschnitten der Rolle in etwa drei Monaten bekanntgegeben werden sollen.

Über den Text anderer in der Nähe des uralten Klosters Qumran gefundenen Schriftrollen aus Kupfer oder Leder hat vor kurzem ein Mitglied der internationalen Kommission von Wissenschaftlern, die in Jerusalem mit der Entzifferung der Dokumente beschäftigt ist, in einigen durch Radio im Rundfunk übertragenen Vorträgen berichtet. Dr. John Allegro, ein 32jähriger Lektor für vergleichende semitische Philologie an der Universität Manchester, dessen Spezialgebiet es ist, den Text der Rollen, der sich auf biblische Kommentare bezieht, zu erforschen, ist hierbei zu Aufsehen erregenden Ergebnissen gekommen. Dr. Allegro stellt in seinen Ausführungen zunächst fest, daß durch Ausgrabungen in den Ruinen des Klosters Qumran ein „Scriptorium“ entdeckt worden sei, in welchem zweifellos viele der in Höhlen in der Nähe des Klosters aufgefundenen Rollen geschrieben wurden. Dies Kloster Qumran war nach Ansicht Dr. Allegros der Hauptsitz einer Gruppe religiöser Extremisten, die der Modernisierung Israels nach dem Muster der griechischen Zivilisation Widerstand leisteten. Diese Extremisten, die sich „Söhne des Zadok“ nannten, blickten als die „Erwählten Gottes“, denen es bestimmt war, den Kern des „Neuen Königreichs“ zu bilden, auf ihre kleine priesterliche Gemeinde herab.