Dd., Lorch am Rhein

Zum vierten Male in unserem Jahrhundert hat sich der größte deutsche Strom in einen harten Eispanzer gezwängt. Nach dreiunddreißigjähriger Pause war der Rhein im Februar 1929 zugefroren, dann lag er 1947 für kurze Zeit in Eisfesseln; 1954 stellte sich das Rheineis von Oberwesel bis Mainz, und am Rosenmontag dieses Jahres wuchsen die Packeisschollen am Loreleifelsen zusammen. Von dieser Stunde an verstummte der Karnevalsjubel in den Rheinufergemeinden zwischen Bingen und Kaub: denn wenn sich in dem schluchtartigen Durchbruchstal, zwischen den steil ansteigengen Felswänden des rheinischen Schiefergebirges das Wasser des Stromes vor einer Eisbarriere staut, dann reicht die Flut bald über die Türschwellen der Häuser.

Seit dem Jahre 1077, als Kaiser Heinrich IV. auf seinem Zug nach Canossa den zugefrorenen Rhein überschritt, sind die Gesetze und Gewohnheiten des Stromes in vielen Chroniken aufgezeichnet worden. Wir wissen, daß es in den strengen Wintern, in denen er seinen Eispanzer anlegte, fast immer die Lorelei war, die ihn mit ihrem Zauberstab berührt hatte. An dem sagenumwobenen Felsen wird der Strom auf 120 Meter – ein Fünftel der Breite, die er oberhalb von Bingen einnimmt zusammengepreßt. Die Packeisbarriere, die sich hier bildet, wirkt wie eine Wehr. Die Eisdecke wächst stromaufwärts, Stunde für Stunde um dreihundert Meter. Wenn im Sommer hier die weißen Schiffe zu Tal ziehen, spielen die Bordkapellen Heines unsterbliches Lied. „Ich glaube, die Wellen verschlingen am Ende Schiffer und Kahn; das hat mit ihrem Singen die Lorelei getan...“ Was aber die Lorelei im Winter vermag, davon hat Heine nicht gesungen. Innerhalb weniger Tage wuchs in der vergangenen Woche der Eisstau von der Lorerei (Stromkilometer 554) aufwärts von Stromenge zu Stromenge, wo er an den Felsenschwellen der Talsohle immer wieder natürliche Verankerungen fand: am Kammereck (km 553), am Wilden Gefähr (km 545), an der Wirbelley (km 543) und schließlich unterhalb des Binger Loches (Stromkilometer 531).

Die beiden Eisbrecher „Reiher“ und “Nobeling“ warfen sich fünfmal vierundzwanzig Stunden lang von der Lorelei her stromaufwärts gegen die Eisdecke und kämpften schließlich eine fast drei Kilometer lange Abflußrinne frei. Wiederholt fraß sich eines der beiden Schiffe im Eis fest und mußte von dem anderen in schwierigen Manövern wieder ins Fahrwasser gezogen werden. Es gelang nicht, das Wilde Gefähr frei zu machen oder gar bis zur Wirbelley vorzudringen.

Inzwischen herrschte in dem Rheingaustädtchen Lorch Katastrophen Stimmung. Das angestaute Rheinwasser schob die mächtigen Eisschollen über die Uferstraße gegen die Häuser der Stadt. Die 68 Meter lange Dampfer-Landebrücke, die größte des Mittelrheins, wurde zu einem unentwirrbaren Knäuel von verbogenen Eisenträgern und Holzabfallen. In den Kellern von Lorch begannen die Fässer zu schwimmen. Von zwei Seiten aus strömte das Eiswasser in die Stadt: vom Rhein her durch die Unterführungen des Bahndammes und vom Taunus her aus dem Bett der Wisper, eines kleinen Flüßchens, das normalerweise in den Rhein mündet, jetzt aber seine Mündung durch die Eisbarrikaden verstopft fand. Auch die Winzergemeinden Aßmannshausen und Lorchhausen wurden durch Eis und Hochwasser mehrere Tage lang von ihren Straßenverbindungen abgeschnitten. Kaub kam glimpflich davon, denn hier wirkte sich der Vorstoß der beiden Eisbrecher günstig auf den Wasserstand aus.

Wie es weiter geht, werden die nächsten Tage zeigen. Noch ist die Gefahr nicht gebannt. Plötzliches Tauwetter vor der Beseitigung des Eispanzers zwischen Kammereck und Wirbelley würde in den Rheinufergemeinden zu einer Hochwasserkatastrophe größten Ausmaßes führen.