Der Wiederaufbau der Oper in München – Zwischen Restauration und Modernität

Von Walter Abendroth

Die Frage „Restauration oder moderne Neugestaltung“, die allerorten den Wiederaufbau zerbombter Städte überschattet, pflegt sich in besonderem Maße über den Häuptern der Verantwortlichen zusammenzuballen, wenn es um Erneuerung repräsentativer Theaterbauten geht. Es ist hier, wie bei vielen Angelegenheiten des heutigen Lebens: die Problematik liegt viel weniger in der Sache, als darin, daß man sich von Schlagworten tyrannisieren läßt und nach deren Willen sachlich sinnlose Parteistellung pro oder contra bezieht, die zu verteidigen den eigentlichen point d’honneur bildet, um welchen sich die ganze Kontroverse schließlich dreht. Auf diese Weise wird die Verwirrung um so größer, je einfacher die Lösung wäre, wenn man sich den wirklichen Gegebenheiten unterwürfe und von ihnen aus die in der Aufgabe enthaltenen Verpflichtungen verstünde.

Auch um den Wiederaufbau des Nationaltheaters in München ist seit langem ein hartnäckiger Streit entbrannt, der aus dumpfem Dahinschwelen von Zeit zu Zeit heftiger aufflackert und gegenwärtig in ein kritisches Stadium geraten zu sein scheint; nämlich das Stadium fast allgemeiner Ratlosigkeit.

Zunächst einmal: fest steht, als Ehrensache, daß im Jubiläumsjahr 1958 (achthundertjähriges Bestehen der Stadt München) das neue Opernhaus vollendet sein soll. Auf diese angeblich unverrückbare Ziel weisen alle Verlautbarungen der „Vereinigung der Freunde des Nationaltheaters“ sowie die Propagandasprüche der Tombola-Werbung unermüdlich hin. Aber hinter den Kulissen ist man schon etwas kleinlaut geworden. Von den Beteiligten glaubt niemand mehr so recht an die Möglichkeit, diesen Termin einzuhalten.

Wie überall, so ist auch hier das stärkste retardierende Moment die Uneinigkeit über den Entwurf: jene Frage „Restauration oder moderne Neugestaltung“. Aber die Gleichheit der Situation mit der an anderen Orten ist nur eine scheinbare. Tatsächlich liegen hier die Dinge doch noch anders – nämlich eindeutiger, sobald man einmal auf den engstirnigen Parteistandpunkt („modern“ oder „reaktionär“) verzichtet. Das wäre um so dringender geboten, als jene bewußte Frage in diesem Münchener Falle von vorne herein falsch gestellt ist, weil die besonderen Gegebenheiten dabei völlig außer acht gelassen sind. Es steht der Forderung nach „Modernität“ niemand gegenüber, der ein „Museum“ verträte; sondern es steht höchstens einer Tendenz, dem leeren Begriff „modern“ um jeden Preis gewaltsam einen egoistischen Eitelkeitssieg zu erzwingen, das Bestreben gegenüber, die berechtigten zeitgemäßen Ansprüche organisch und harmonisch zu vereinen mit den erwähnten besonderen Gegebenheiten.

Welcher Art sind diese Gegebenheiten? Bevor darüber gesprochen wird, sei die Bemerkung erlaubt, wie erstaunlich es doch ist, daß architektonische Unternehmungen heute diese einzige maßgebliche Frage nach den vorhandenen Gegebenheiten überhaupt nicht in Betracht ziehen, ganz als sei der eben zur Erörterung stehende Neubau das erste Menschenwerk in einem bis dato leeren Raum. Allen: sofern der Architekt mehr sein will als ein bloßer technischer Raumfüllungskonstrukteur, sofern er also Künstler, „Gestalter“ oder auch nur ein Main von Geschmack zu sein den Ehrgeiz hat, kann er unmöglich derart ins Leere hinein handwerken, sondern muß mit einer gegebenen nicht nur praktischen, sondern auch ästhetischen Situation rechnen. Freilich hat der Baumeister ziemlich freie Hand, wenn er sein Haus etwa auf einen leeren Platz, der als Ganzes neu geformt werden muß, zu stellen hat. Eine andere, weitere Frage wäre – wenn wir das Thema nun auf den Theaterneubau spezialisieren – allerdings noch die: ob es überhaupt bereits ehe klare, verbindliche Vorstellung vom „modernen Theaterbau“ gibt, mit der man dialektisch operieren könnte wie mit beglaubigten ästhetischen Begriffen. Die verschiedenen Beispiele jenes Stils, der wie eine Kreuzung zwischen billigem Warenhaus und teurem Kino anmutet, womöglich noch mit jener ordinären Säulenpracht aus unedlem Kunststoff mit oder ohne Stanniolglanz armiert, sollen doch wohl nicht bereits zum Rang von Vorbildern anvanciert sein...?