H. v. V., Kairo, im Februar

Den deutsch-ägyptischen Handelsbeziehungen kam von jeher eine besondere Bedeutung zu. Sie ging über den Rahmen des rein ägyptischen Marktes hinaus. Alexandrien und Port Said am Eingang des Suezkanals sind Welthäfen; Kairo ist die größte Stadt Afrikas und der arabischen Staaten. Internationale Konkurrenz begegnet sich an diesen Kreuzpunkten des Weltverkehrs und des Welthandels. In ihnen sich zu behaupten, ist eine Ehrenfrage und – trägt Gewinn. Denn die Anwesenheit deutscher Waren in Ägypten strahlt nach Afrika sowie in den Nahen und Mittleren Osten aus und kann durch keine Reklame ersetzt werden.

Das erste Nachkriegshandelsabkommen mit Ägypten datiert aus einer Zeit, als bilaterale Verträge der einzige Weg schienen, die abgerissenen Handelsbeziehungen Deutschlands mit dem Ausland in mühseliger Flickarbeit wieder zusammenzuknüpfen. Sie mußten auf den Nachkriegsbedarf der Bundesrepublik und ihre beschränkten Liefermöglichkeiten abgestellt sein und zugleich den besonderen Verhältnissen der verschiedenen Vertragsländer Rechnung tragen. Mit der Aufhebung der staatlich dirigierten Zwangswirtschaft und mit der systematischen Liberalisierung unserer Handelsbeziehungen zum Ausland traten allmählich, an Stelle bilateraler Abkommen solche multilateralen Charakters, eine Lösung, die nun zum erstenmal auf das deutsch-ägyptische Zahlungs- und Handelsabkommen, das jetzt in Kairo unterzeichnet wurde, Anwendung finden wird.

Die bilateralen Abkommen sahen im Rahmen der beiderseits zugestandenen Warenlisten und Kontingente eine laufende Abrechnung in Dollar über ein gemeinsames Konto bei der Bank deutscher Länder vor. Ein Überziehen dieses Kontos war bis zu einer gewissen, im Zahlungsabkommen vereinbarten Summe zulässig. Die diese Summe übersteigenden Beträge mußten in harter Währung abgedeckt werden. Da Ägypten, wie viele andere Länder, laufend an Deutschland verschuldet blieb, stellte der sogenannte "Swing" in Wirklichkeit einen laufenden zinslosen Kredit der deutschen Notenbank an die ägyptischen Importeure dar. Im nunmehr in Kairo geschlossenen Abkommen wird zum Zahlungsmittel aus den gegenseitigen Geschäften die Bekomark erklärt. Ägypten hat so die Möglichkeit, mit dem Erlös dieser beschränkt konvertierbaren D-Mark aus seinen Exporten nach Deutschland die Importe aus der Bundesrepublik zu bezahlen, ferner andere Devisen (außer dem Dollar) mit Bekomark für Importe aus anderen Ländern zu erwerben oder sich mit solchen anderen Devisen Bekomark zu kaufen, für zusätzliche Importe aus Deutschland, die die Ausfuhren aus Ägypten übersteigen. Über eine Ausdehnung dieses deutsch-ägyptischen multilateralen Abkommens auf Großbritannien, Belgien und die Niederlande wird zur Zeit mit Wirtschaftsvertretern dieser drei Länder in London verhandelt. Großbritanniens Handelspolitik verfolgt mit der vielfältigen Konvertierbarkeit des englischen Pfundes bereits ähnliche Tendenzen.

Um die (aus dem alten Zahlungsabkommen aufgelaufenen) Schulden Ägyptens zu tilgen hat die Bundesrepublik Rückzahlungen zu leichten Bedingungen, auf fünf Jahre verteilt, zugestanden. Zum Anlaufen des neuen Verfahrens wurde ein zusätzlicher Bekomark-Kredit eingeräumt.

Die gesamten deutsch-ägyptischen Handelsbeziehungen werden somit auf eine gesunde kommerzielle Basis gestellt. Anstatt daß die deutsche Notenbank für ägyptische Schuldner in Vorlage treten muß, wird es in Zukunft Aufgabe des ägyptischen Importeurs und seines deutschen Lieferanten sein, die Bonität des Kunden darzutun und so bei den deutschen Außenhandelsbanken die Bedingungen für Warenkredite und Staatsgarantien einzuhandeln, die der Güte und Bedeutung des Geschäftes entsprechen. Ebenso hat es die ägyptische Regierung in der Hand, nur für die Importe Lizenzen zu erteilen, die ihr für die Wirtschaft Ägyptens opportun erscheinen. Sie hat sich aber verpflichtet, keine grundsätzlichen Restriktionen bestimmter Warengattungen vorzunehmen.

Von ägyptischer Seite ist viel Klage geführt worden, daß die deutschen Importe ägyptischer Baumwolle seit über einem Jahr ständig zurückgegangen sind. In dieser Form ist das nicht der Fall. Der deutsche Bedarf an ägyptischer Baumwolle ist stetig gleichgeblieben und auch befriedigt worden. Er beziffert sich auf etwa 100 bis 120 Mill. DM jährlich und umfaßt laufend etwa 10 v. H. der gesamten westdeutschen Baumwolleinfuhren. Ägyptische Sonderkonten in Ländern wie Holland, Belgien und der Schweiz sowie die Einfuhranrechtsverfahren (Entitlementaccount) hatten jedoch des öfteren zur Folge, daß ägyptische Baumwollen auf außerdeutschen europäischen Märkten billiger angeboten wurden als in Alexandrien – eine Gelegenheit, die auszunützen natürlich keinem deutschen Baumwollimoorteur versagt werden kann. Die Beseitigung all dieser Sonderverfahren durch die ägvotische Regierung, wie auch die eingegangene Verpflichtung einiger Länder, ägyptische Baumwolle nicht zu reexportieren, sollen in Zukunft diese Erscheinungen ausschalten. Immerhin bleibt die Gefahr bestehen, daß die Ostblockstaaten die weit über den eigenen Bedarf hinausgehenden, aus politischen Gründen aufgenommenen Bestände ägyptischer Baumwolle zu stark verbilligten Preisen auf die Westmärkte werfen werden, wie dies mit tschechischen Dumping-Angeboten in Triest bereits der Fall ist. Ägypten würde so mit den neugewonnenen Abnehmern im Osten seine alten Kunden im Westen als Direktkäufer verlieren. Ein ernstes Problem für die ägyptische Wirtschaft, der daran gelegen sein muß, westliche Devisen zu erwerben, um ihre Einfuhren für die großen industriellen Aufbauprojekte ihres Landes bezahlen zu können.