Berlin, Ende Februar

Wo liegt der Grund für das erstaunliche comeback der Berliner Mode-Industrie, die heute wieder stilbestimmend in Deutschland ist?Wie konnte sie sich binnen fünf Jahren zum zweitgrößten Industriezweig Berlins entwickeln, gemessen an den Umsätzen, die sich seit dem "Startjahr" 1950 verdreifacht haben, so daß sie für das vergangene Jahr die Bilanz von 635 Millionen DM aufweisen? "Die Zwischenmeister", antwortet der Chef eines bekannten Berliner Modehauses; "ohne die Zwischenmeister und die zahllosen in Berlin ansässigen Heimarbeiter, die seit Jahrzehnten für die Konfektion arbeiten und über Zerstörung, erste Nachkriegsjahre und Blockade hinweg ihren alten Firmen die Treue hielten, wäre das gar nicht möglich.

"Für den Ruf der Berliner Mode, elegant, tragbar und gut verarbeitet zu sein, sind mindestens so sehr wie unsere Modeschöpfer unsere Zwischenmeister verantwortlich", sagt auch die Verkaufsleiterin eines namhaften Modehauses.

Die Zwischenmeister also und die namenlosen Heimarbeiter, die zusammen zwei Drittel der rund 43 000 in der Berliner Bekleidungsindustrie Beschäftigten ausmachen, haben die Mode-Industrie wiederaufbauen helfen, deren altes Zentrum in der Stadtmitte heute ein Ruinenviertel im Ostsektor ist. Um den Hausvogteiplatz, östlich der Friedrichstraße, hat die Berliner Konfektion seit 1840 ihren Sitz gehabt. Ihrer Räume und ihrer Konten beraubt, ohne Verbindung zu auswärtigen Lieferanten und Abnehmern, auf alle westlichen Stadtgegenden verstreut, wurde in den ersten Nachkriegsjahren mühselig wieder begonnen. Die Berliner waren zäh entschlossen, den durch die Blockade erweiterten Vorsprang der westdeutschen Firmen wieder einzuholen. Daß es gelang, erfüllt die Beteiligten noch im Rückblick mit leichter Überraschung. Sie halten es noch nachträglich für ein Wagnis, daß die Berliner Konfektion Mitte 1949, kurz nach Aufhebung der Blockade, Kollektionen zur IGEDO nach Düsseldorf schickte, mehr noch, daß sie 1950 zum erstenmal nach dem Kriege wieder eine "Durchreise" riskierte. Heute haben sich die viermal jährlich veranstalteten Leistungs- und Verkaufsschauen längst wieder durchgesetzt, nicht nur in Deutschland. Kaum ein Hotelzimmer ist während der Durchreisewochen im Juni und November in Berlin zu bekommen, aus Skandinavien, Holland und der Schweiz – den Hauptimportländern der berliner Konfektion –, ja selbst aus Südamerika und vom Persischen Golf kommen Einkäufer zu den Modeschauen nach Berlin. Während anfangs leunzig von Hundert der Berliner Aufträge noch in Düsseldorf abgeschlossen wurden, wird heute der größte Teil am Orte selbst vergeben. Die überwiegende Mehrheit der Produkte der "Damenoberbekleidung" – 86 v.H. – wird in die Bundesrepublik verkauft, doch auch die Exportzahlen steigen alljährlich. Bis 1954 haben sie sich vereinfacht, im vergangenen Jahr stiegen sie abermals um vierzig v. H.

Zwar ist der Vorkriegsexport noch nicht wieder "reicht, und auch nicht der Vorkriegszustand, in dem achtzig v. H. der gesamten deutschen Damenkonfektion in Berin hergestellt wurde. Aber das Konfektionszentrum Berlin hat doch bereits wieder magnetische Anziehungskraft, nicht nur auf die Käufer. Die für Berlin geltende Umsatzsteuerrückvergütung und die Steuerpräferenzen für in Berlin tätige Industriebetriebe haben bereits manche westwärts ausgewanderte Firma wieder zurückgeholt und manches westdeutsche Haus zu einer Niederlassung in Berlin bewegt, wozu neben dem wirtschaftlichen Anreiz eben der Stamm der hier ansässigen Heimarbeiter beitrug.

Das Charakteristische des Berliner Stils, der heute die Konfektion in Deutschland weithin bestimmt, ist nicht nur die Qualität der Verarbeitung, sondern vor allem die Instinktsicherheit seiner Modeschöpfer, welche die Stildominanten der internationalen Modelinien ins Tragbare übersetzt. Das gilt nicht nur für die fünf großen Häuser des sogenannten Spitzengenres, sondern für die dreihundertundfünfzig Firmen des Modell-, Mittel- und Verkaufsgenres ebensogut. Die Mode der kommenden Frühjahrs-und Sommersaison zeigt das sehr deutlich. Das Generalthema der Prinzeßlinie, noch immer die bestimmende Silhouette, wird in vielfachen Variationen elegant, doch nicht extravagant abgewandelt, in geradlinig hautengen Etui- und Torsokleidern wie in der – häufig nur im Rücken – fließenden Weite sommerlicher Abendkleider. Das Complet ist der vorherrschende Anzug der Saison, die Kombination von Kleid und Mantel, Paletot oder – mit Vorliebe – Bolero in vielfach variierendem Schnitt. Die Kostüme erscheinen mit kürzeren, sanft taillierten Jacken und Faltenröcken. Daneben kommt das Hemdblusenkleid zu modischen Ehren. Stil und Schnitt werden durch die Neigung zu fließenden Stoffen bestimmt, Jersey vor allem, daneben Naturseiden und Chiffon für die Abendkleider. Baumwolle und Seiden erscheinen bedruckt mit naturalistischen Blumendessins, vor allem Rosen wuchern über Tausende von Stoffmetern. Aber auch die Orientdrucke, die im vorigen Herbst in Paris neu waren, sind beliebt, und die Modehäuser zeigen mitunter auch in der Schnittechnik einen leicht fernöstlichen Einschlag: Man sieht seitlich angebrachte Mandarinschlitze an Mantel- und Jackensäumen, Chinakrägelchen und gelegentlich kleine spitze Hüte zum Complet, wobei das Material des Kleides in Hut und Mantelfutter wiederkehrt. Wenn die fünf Spitzenfirmen Gehringer & Glupp, Horn, Schwabe, Schwichtenberg und Staebe-Seeger am 22. März in Schweden die erste deutsche Modenschau nach dem Kriege zeigen werden, so ist damit die deutsche Mode repräsentativ vertreten.

Sabina Lietzmann