Kundenorders fehlen! Seit Wochen ist das der Klageruf des Börsenhandels, dem durch den angespannten Geldmarkt die Bewegungsfreiheit stark eingeengt ist. Das Geld fließt an den Börsen vorbei – soweit es sich um die Großanleger handelt; es tröpfelt nur bei der Privatkundschaft, die nur mit kleineren Beträgen spekulativ im Markt ist. Da andererseits aber auch der Abgabedruck nur gering war – kein Wunder übrigens bei den als niedrig angesehenen Kursen –, kam es in der vergangenen Woche zwar zu Schwankungen, doch an Gesamtkursbild hat sich Entscheidendes nicht geändert. Das gilt sowohl für die Aktien als auch für die festverzinslichen Werte. Etwas Leben kam zum Wochenschluß durch die Politik. Die FDP-Spaltung wurde, entgegen mancher Erwartungen, im Grunde als positiv aufgefaßt. Das längst fällige reinigende Gewitter in der Koalition hat dem Bundeskanzler eine Stärkung seiner Position beschert, so wurde in den Börsensälen argumentiert, und so faßte es offenbar auch das Ausland auf, das sich plötzlich wieder für die "internationalen Werte" (AEG, Siemens, IG-Farben-Nachfolger) zu interessieren begann, wodurch infolge der Marktenge sofort feste Kurse zustande kamen. Der Beschluß des Zentralbankrates, den Diskontsatz in seiner bisherigen Höhe beizubehalten, trug zur Stabilisierung der Lage bei.

Größere Umsätze verzeichneten abermals die jungen Bayer-Aktien, die zwischen 203 und 207 hin und her pendelten. Bei steigenden Kursen sind die Banken bemüht, sich von den zunächst ins Portefeuille genommenen jungen Aktien zu entlasten. Bei den IG-Farben-Liquis spricht man von einem akzeptablen Angebot der Nachfolgegesellschaften an die Liqui – Inhaber, die Anteile an Chemische Werke Hüls zu übernehmen. – Im Mittelpunkt der Montanpapiere blieben die Gelsenkirchener Bergwerks-Aktien, die sich inzwischen bis 154 befestigt haben. Dabei steht allerdings nicht unbedingt fest, daß hier allein Krages gekauft hat. Die Nachrichten über angeblich erfolgreich verlaufende Verkaufsverhandlungen, die der Bremer Holzkaufmann mit einer USA-Gruppe führt, haben anscheinend auch "Mitläufer" auf den Plan gerufen. Auf Sicht gesehen gehen diese Kreise unter Berücksichtigung des augenblicklichen Kurses auch nur ein geringes Risiko ein. Bei Daimler war es anders! Hier wurden in der zurückliegenden Woche zunächst etwa 80 Punkte (auf 30 v. H.) eingebüßt. Inzwischen haben Rückkäufe den Kurs wieder auf 350 v. H. gebracht. Ziemlich konstant lagen in letzter Zeit die Nachfolgewerke der GHH-Gruppe. Nachdem die Abschlüsse vorliegen und es mit einer Rekonzentration. offenbar noch Zeit hat, erwartet man hier zunächst keine Überraschungen. Mit gleicher Sicherheit läßt sich dies bei den Rheinstahl-Unternehmen nicht sagen. Mehrheits- und Interessenkäufe werden hier für nicht ausgeschlossen gehalten.

Im Zusammenhang mit den bereits erwähnten Auslandskäufen haben sich Siemens um etwa 6 Punkte auf 248 v. H. befestigt. Eine Kapitalerhöhung ist für die nächste Zeit nicht zu erwarten (oder soll man sagen, braucht nicht befürchtet zu werden?). Bei der Unergiebigkeit des Kapitalmarktes kann die Ausgabe junger Aktien sehr leicht zu einer Belastung für den Kurs werden. Einige unangenehme Erfahrungen hat die Börse in dieser Richtung schon sammeln können. Junge Aktien dürfen nur noch in wohldosierten Mengen auf den Markt kommen. Offensichtlich sind die Banken auch bemüht, hier einen gewissen "Fahrplan" einzuhalten.

Zwingende Voraussetzung, vom Kapitalmarkt neue Mittel zu erhalten, ist die Sicherstellung einer ausreichenden Rendite. In dieser Beziehung wird von einigen Gesellschaften noch heftig gesündigt. Leider ist es nun einmal so, daß enttäuschende Dividendennachrichten oftmals verallgemeinert, während erfreuliche Dividendenerhöhungen als selbstverständlich hingenommen werden. Anlaß zu Spekulationen war seit Wochen der Kurs der Schiffbau-Gesellschaft Unterweser, der seit Jahresbeginn etwa um 30 Punkte zurückgefallen war. Inzwischen hat er sich wieder auf 153 angehoben. Nachdem für 1954 8 v. H Dividende gezahlt worden sind, können die Aktionäre für 1955 nur auf "mindestens 4 v. H." rechnen. Eine endgütige Festsetzung erfolgt erst in der Bilanzsitzung, die bisher noch nicht stattgefunden hat. Erfreulich sind wieder die Aussichten bei der Hochseefischerei Nordstern, Bremerhaven, die für 1955 eine Dividende von 9 v. H. und einen Bonus von 3 v. H. zur Verteilung bringen wollen. Im Vorjahr waren 8 v. H. Dividende, ein Jubiläumsbonus von 4 v. H. und ein Sonderbonus von 3 v. H. ausgezahlt worden. -n d t.