r. o., Wangerooge

Die Bildhauerin Yrsa von Leistner hat große Pläne. Sie möchte eine fünfzig Meter hohe Christus-Figur an der deutschen Nordseeküste oder auf einer der ostfriesischen Inseln errichten, Gegenwärtig stellt die Künstlerin ihre Werke im Poppelsdorfer Schloß in Bonn aus. Darunter befindet sich bereits ein vier Meter hohes Modell-Standbild des "Christus am Meer", das die Arme wie zum Segen emporhält. Bundeskanzler Adenauer will, heißt es, erwägen, die Schirmherrschaft für das fromme Vorhaben zu übernehmen. Nach einem einstündigen Gang durch die Ausstellung, bei der der Kanzler die Christus-Statue besonders würdigte, schrieb er in das Gästebuch der Bildhauerin: "Ich habe hier tiefe Eindrücke empfangen."

Nach den Worten der Künstlerin ist ihr der Gedanke zu dem jetzigen Plan im letzten Kriegsjahr gekommen, als sie zusammen mit Professor Sauerbruch in Berlin das Grauen der Bombenangriffe erlebt und mit diesem oft an den Sterbebetten der unglücklichen Opfer gestanden habe. Ihr "Christus am Meer" solle verdeutlichen, daß trotz aller menschlichen Qual und Schändung der Glaube an Gott und an das Wirksamwerden der Lehre Christi unter den Menschen nicht erloschen sei. Auch solle das Standbild allen von See Kommenden verkünden, daß das geistige Bild des Kontinents vom Christentum seine Leuchtkraft empfangen habe. Die Kosten der riesigen Statue – sie soll, aus Betonwerkstein gefertigt, auf einem zwanzig Meter hohen Sockel stehen – veranschlagen Freunde der Bildhauerin auf über 400 000 Mark. Das Geld soll aus privaten Spenden aufgebracht werden.

Unter der Bevölkerung der Nordseeküste herrscht nicht eitel Zustimmung zu diesem Vorhaben. Manche sagen, daß mit dem gleichen Geld viel Not gelindert und dem Gottessohn dadurch in manchem Herzen ein Denkmal errichtet werden könnte, das zwar weniger sichtbar, aber nicht weniger groß wäre. Ihrem einfachen, frommen Sinn gefällt es nicht recht, die nach innen gekehrte Frömmigkeit in einem Mammut-Standbild ausgedrückt finden zu sollen, das sie als etwas gewaltsam und – gemessen an ihrer Verschlossenheit – als sehr äußerlich empfinden. Andere machen geltend, daß die Freiheits-Statue vor New York nicht unbedingt ein europäisches Gegenstück brauche. Sie vergegenwärtigen sich mit Schaudern, wie sich die Schaulustigen am Fuße des amerikanischen Nationaldenkmals um Postkartenstände und Coca-Cola-Gaststätten drängen, ja, wie sich bei der Besichtigung dieses monströsen Leuchtturms fast niemand der Werte erinnert, die er symbolisiert. Sie befürchten, daß um den "Christus am Meer" ähnliche Zustände eintreten und der Sinn der Statue leicht in sein Gegenteil verkehrt werden könnte. Die Gefahr sei um so größer, warnen sie, wenn das Bauwerk auf einer der Inseln errichtet würde, die als Kurorte im Sommer Zentrum von mitunter recht ausgelassener Lebensfreude seien.

Alte Seefahrer haben die Ansicht vertreten, auf dem "maßlosen Kontinent" sei eine gigantische Statue als Gruß für den Ankömmling vielleicht passend; auch unter dem südlichen Himmel und auf den Bergen um Rio de Janeiro, wo eine ähnliche Christus-Figur den Blick auf sich lenkt, sei ein solches Bauwerk noch verständlich; aber unter den tiefen Wolken über der Nordsee und neben den hinter Deichen versteckten Fischerdörfern sei es fehl am Platze. "Wen das Meer nicht zu Gott weist, den kann auch kein Werk menschlicher Hand Ihm näherbringen", sagen die Küstenbewohner. Und ihrer sind nicht wenige.