Mit einem Geschäftsfreund schlenderte ich über die Promenade eines westdeutschen Kurortes. Wir warfen gerade einen kurzen Blick in die Boulevardpresse. "Großbrand in einem Industriewerk" lautete heute die Überschrift. "Es ist doch eigenartig", meinte mein Freund, "daß man heute, bei einem Brand zwar in wenigen Stunden durch die Presse alle Einzelheiten erfährt, nicht aber das, was uns Geschäftsleute schließlich auch sehr interessiert, nämlich ob der Schaden durch Versicherung gedeckt ist oder nicht. Früher stand das immer dabei."

Wir überlegten. Es trat jedoch keine Gesprächspause ein, denn ein Dritter, ein Herr, der mit uns in der gleichen Pension wohnte, mischte sich ein: "Es ist eben heute undenkbar, daß ein nennenswertes Objekt unversichert ist", meinte er. "Sensationeller als die Meldung von der Brandkatastrophe selbst wäre die Nachricht, der Schaden sei nicht gedeckt. Das gab’s nur früher, als die Leute noch glaubten, man könne die Versicherung sparen. Sie vergaßen dabei, daß eine einzige Feuersnacht mehr als 1000 Prämienjahre übertreffen kann. Wenn ein Unternehmer heute seine Objekte nicht versichern lassen würde, dann wäre er schlechthin kreditunwürdig. Versicherung ist eben Selbstververständlichkeit geworden."

"Das ist richtig", gaben wir spontan zu. Der Herr aber fuhr fort: "Niemand hat jemals behauptet, daß die Versicherung unseren Schutzengel ersetzen kann; sie verhindert aber, daß der Teufel sein Spiel bis zum bitteren Ende treibt. – Ich bin Leiter einer Bankfiliale in Süddeutschland, deshalb muß ich mich zwangsläufig mit diesen Fragen beschäftigen. Oft wird mir von den Kunden übelgenommen, daß wir bei Kreditanträgen die Vorlage der bestehenden Versicherungsverträge verlangen. Das sei Unsinn, sagte mir kürzlich jemand, denn selbstverständlich habe er alles ausreichend versichert."

"Gut", meinte mein Geschäftsfreund, "aber können Sie uns auch erklären, wieso man gelegentlich immer noch die Bemerkung hören kann, Versicherung sei Schwindel? Ist das ein unbegründetes Vorurteil, oder fußt eine solche Ansicht auf schlechten Erfahrungen? "Der Hauptgrund für diese Meinung liegt wohl in der Unwissenheit weiter Kreise der Bevölkerung", erklärte unser Bankdirektor, "man kennt zu wenig vom Versicherungsgeschäft oder besser: von der Funktion der Versicherung in der modernen Volkswirtschaft. Für mich, der ich mich vielleicht als Fachmann bezeichnen darf, ist Versicherung jedenfalls kein Schwindel. – Im übrigen darf man es heute keinem übelnehmen, wenn er sich nicht mit all diesen Einzelheiten befaßt. Die Materie ist schwierig genug: Wer kennt schon die Fachausdrücke, wie Deckungsprämie, Schadensrücklagen, Leistungspflicht, Leistungsbereiche und dergleichen mehr?. Das alles ist zu kompliziert, um populär zu sein."

Ist das wirklich so kompliziert? Es hieße die Aufgeschlossenheit und die Skepsis des modernen Menschen unterschätzen, wenn man dem Bankdirektor Recht geben würde. Dennoch besteht manches Mißverständnis in der Öffentlichkeit. Zum Beispiel:

Der Gerling-Konzern konnte im Jahre 1955 Prämieneinnahmen von 231,8 Millionen DM verbuchen. Für die Schadenregulierung wurden in der gleichen Zeit 118,2 Millionen DM ausgegeben. Ist die Differenz zwischen beiden Zahlen als Verdienst anzusprechen?

Natürlich nicht. Diese Differenz erhöht – nach Abzug der Kosten – die Rücklagen, die jede Versicherung haben muß, um für Schäden jeden Umfangs gerüstet zu sein. Außerdem bildet dieses Geld jenen Stock, aus dem heraus Millionen von Menschen – oder ihren Hinterbliebenen – eines Tages die Lebensversicherung ausgezahlt wird. Je höher also die Rücklagen, um so mehr Vertrauen darf der Versicherte zu dieser Gesellschaft haben. Und wie setzt sich das Vermögen zusammen? Das zeigt die unten rechts stehende Tabelle.