"Für unseren Absatz gibt es nur zwei Sorten von Geschäften: bei den einen kann ich nicht leben, bei den anderen kann ich nicht schlafen" – so der Stoßseufzer eines mittelständischen Unternehmers der Verbrauchsgüterwirtschaft, der es, als Ostvertriebener, nun allerdings noch besonders schwer hat. Im folgenden sind, auf Grund einer ausführlichen Unterhaltung, die Sorgen eines solchen Betriebes dargestellt. Daß unserem Gewährsmann als Ausweg aus seinen Nöten eine Art von Kartellbindung vorschwebt, erscheint um so verständlicher, als ja in benachbarten Branchen, die zum Ernährungsministerium ressortieren, eine der landwirtschaftlichen Marktordnung angepaßte Form der Produktions- und Absatzregelung vielfach erwogen wird und teilweise schon durchgeführt worden ist. Andere Hilfsvorschläge macht die Lastenausgleichsbank in ihrer kürzlich erschienenen Schrift "Erfolge und ungelöste Aufgaben der Eingliederung". Sie empfiehlt für die über 75 000 Vertriebenen- und Fluchtlingsbetriebe: verstärkte Eingliederungskredite, steuerliche Erleichterungen, beschleunigte Schadensfeststellung und (natürlich!) Bevorzugung bei der Vergabe öffentlicher Aufträge. – Die Frage, wie weit solche oder andere Hilfen ins strenge marktwirtschaftliche Konzept passen, muß ja wohl offenbleiben.

Aufbaudarlehen, ERP-Kredite, Investitions-, Umschuldungs- und Zinsverbilligungsaktionen – geschieht etwa nicht genug für die heimatvertriebenen Betriebe? Aber die Lage dieser ("mittelständischen") Betriebe, zum mindesten in der Konsumgüterindustrie, ist heute prekärer denn je. Was helfen nämlich alle Kreditprogramme, wenn die verlangten Sicherheiten übersteigert werden? So nämlich sieht es in der Praxis aus: für einen Kredit in Höhe von 50 000 DM sind Sicherheiten in Höhe von insgesamt 130 000 DM zu stellen. Für die Abtretung eines mit 13 000 DM "vorläufig" festgestellten Lastenausgleichsanspruchs wird die Hälfte der Abtretungssumme als Kredit gewährt. Dabei hatte der Betrieb, bis zum Zeitpunkt, zu dem er den Kredit erhielt, bereits über 6000 DM an Vermögensabgabe an den Lastenausgleichsfonds zu zahlen ...

Nun heißt es natürlich: aber die Mengenkonjunktur mit ihren günstigen Folgen hilft ja aus den Schwierigkeiten ... Das wäre richtig, wenn nicht die kapitalkräftigen Unternehmen der in Frage kommenden Branchen durch die Mengenkonjunktur zu immer größeren Investitionen angeregt würden, denen gegenüber der mittelständische Vertriebenenbetrieb "einfach nicht mitkommt". Dabei sind die Großbetriebe nicht nur Konkurrenten in der Produktion, sondern auch Großabnehmer der "Mittelständler".

Wie sich das praktisch auswirkt, das sei am Beispiel eines solchen Betriebes (Jahresumsatz rund 5 Mill. DM, bei etwa 200 Beschäftigten) dargestellt. Wegen des Mangels an Betriebskapital kann der Betrieb seine Roh- und Hilfsstoffe nicht bar bezahlen, also die Skonti nicht in Anspruch nehmen – das bedeutet, ein Handikap in Höhe von nahezu 75 000 DM jährlich gegenüber dem mit Betriebskapital voll ausgestatteten Konkurrenzbetrieb. Darüber hinaus muß unser Beispielbetrieb noch aufbringen: 50 000 DM an Kreditkosten für den Betriebskredit und 12 000 DM an Tilgungsbeträgen auf die langfristig gegebenen Anlagekredite (Tilgung innerhalb von 10 Jahren, wobei die jährliche Belastung, Zins plus Amortisation, 15,5 v. H. bei den ERP-Krediten und 12 v. H. bat den Krediten der Lastenausgleichsbank ausmacht). Eine entscheidende Hilfe für Vertriebenenbetriebe würde es bedeuten, wenn man ihnen die gleichen Abzahlungsbedingungen einräumte, wie sie für die Lastenausgleichsabgabe der "Altbetriebe" gelten: also 4,5 v. H. Zinsen plus Amortisation für eine Laufzeit von 30 Jahren. – Die Inanspruchnahme des Lieferantenkredits, auf die der "mittelständische" Vertriebenenbetrieb zwangsläufig angewiesen ist, belastet ihn, wie schon erwähnt, zusätzlich mit mindestens 10 v. H., mitunter auch bis zum doppelten Betrag der in Frage stehenden Summen. Damit aber nicht genug: vielfach "wohnen" solche Betriebe zur Miete in Gebäuden, die der öffentlichen Hand (dem Bund oder den Ländern) gehören: sie haben den vollen Mietwert aufzubringen, der – nahezu – fast dem Neuwert entspricht; Abschreibungsmöglichkeiten, die der "Altbetrieb" bei eigenem Gebäudebesitz hat, entfallen also. Ein weiterer Nachteil gegenüber den "Altbetrieben" liegt in der maschinellen Ausstattung, da die Kapitalknappheit lediglich den Kauf von gebrauchten Maschinen erlaubte, deren Ersatz durch moderne Anlagen eben deshalb nicht möglich ist, Weil, den heimatvertriebenen Unternehmungen kein Kreditspielraum zur Verfügung steht, und sie auch die Abschreibungsvergünstigungen nicht ausschöpfen können.

Nach der Theorie der Wettbewerbswirtschaft ist die Leistungsfähigkeit des Betriebs für seine Existenz und für sein Wachstum maßgebend. Das wäre ganz in der Ordnung – wenn die Leistungsfähigkeit in der Produktion entscheidend wäre, nicht aber die Kapitalausstattung. Die Stärke des Kapitals kann freilich, wie die Praxis immer wieder zeigt, durch bessere Leistung allein nicht aufgewogen werden. Eine geradezu verhängnisvolle Rolle in dem jetzt erst mit aller Schärfe entbrannten Konkurrenzkampf zwischen, heimatvertriebenen und "alten" Betrieben spielen die steuerlichen Vergünstigungen aus dem § 7 des Einkommensteuergesetzes, die es den "Altbetrieben" ermöglichen, ihre (nunmehr an sie zurückfließenden) steuerfreien Reserven voll einzusetzen. Die Kapitalknappheit des heimatvertriebenen (oder überhaupt des mittelständischen) Betriebes wird dabei von den zahlungsfähigen Käufern in rigorosester Weise ausgenutzt: durch das Diktat der Zahlungsbedingungen insbesondere, auch durch die Forderung, Konsignationslager einzurichten und dergleichen. Von den marktbeherrschenden Großunternehmungen und den sonstigen Großkäufern wird ganz brutal erklärt: es müßten bei den Auftragsmengen, an denen man interessiert sei, andere als die üblichen Kalkulationsgrundsätze angewandt werden – mit der Begründung: der mittelständische Lieferant liefere ja doch "aus der Kapazitätsspitze", also seien seine "festen Kosten" bereits schon durch die sonstigen Lieferungen gedeckt, und er müsse also billiger anbieten; an den ("zusätzlichen") Großaufträgen brauche er "natürlich" nichts zu verdienen ... Angesichts der starken Konzentration im Großhandel (Spar, Vivo, Afu, Westa usw.) wird dieses Ansinnen praktisch heute von jedem Käufer an den (mittelständischen) Fabrikanten gestellt. Ein bekannter Großkonzern berücksichtigt z. B. kein Angebot, das nicht seinen Bedingungen – 3 v. H. Bonus und 2 v. H. Skonto – entspricht. "Branchenüblich" ist freilich nur ein Skonto von 1 v. H.... Die Forderung, daß 3 v. H. Bonus gegeben werden muß, wird damit begründet, daß ein Vertreter – der üblicherweise 3 v. H. Provision erhält – bei den Einkäufen des Konzerns entbehrlich sei! Ob das praktisch immer durchführbar ist, interessiert den betreffenden Konzern natürlich ebensowenig, wie die Frage, ob der liefernde Fabrikant bei Großaufträgen, deren Preis "bis ins letzten" ausgehandelt werden, überhaupt eine Marge von 3 v. H., die der Vertreterprovision entsprechen würde, einkalkulieren kann. Der schwächste Partner im Geschäftsablauf – in diesem Falle der Vertreter – muß also bei diesen Forderungen der marktbeherrschenden Unternehmungen als erster geopfert werden. Das nächste Opfer wird in der Regel der mittelständische Fabrikant selber sein – besonders dann, wenn er, als Vertriebener, nicht hinreichend kapitalstark ist.

Hier ergibt sich also die Alternative: entweder muß den Vertriebenenunternehmungen eine ausreichende Kapitalhilfe gewährt werden – oder sie müssen die Möglichkeit haben, sich zu "Abwehrkartellen" zusammenzuschließen, um gegenüber der Kapitalmacht der marktbeherrschenden Unternehmen bestehen zu können. Wahrscheinlich muß man dabei sogar an die Form eines Zwangskartells denken, weil ja die mittelständischen Betriebe in ihrer Existenznot immer geneigt sein werden, alle Absprachen zu verleugnen ... Es ist recht bezeichnend, daß die Wirtschaftsbehörden der Länder offen von der "Unfähigkeit der Unternehmer" (in den hier zur Frage stehenden Konsumgüterindustrien) sprechen, denen es "notorisch noch nicht einmal gelingt, durch Einigkeit so etwas wie eine Ordnung im eigenen Lager herzustellen". Wie aber sollen, unter der Herrschaft des Kartellverbots, Vereinbarungen der Fabrikanten über Mindestqualitäten ihrer Waren und über die Grundsätze eines lauteren Wettbewerbs zustande kommen? Heute ist es doch so, daß der Fabrikant, unter dem Preisdruck seiner Großabnehmer, in eine Qualitätsverschlechterung ausweichen muß, wenn die Reserven der Kalkulation völlig ausgeschöpft sind ... Der Großabnehmer akzeptiert (um "ganz billige Ware" zu erhalten) vielfach auch dieses Verfahren, d. h. er kauft eben die schlechteren Qualitäten, und er kann das tun, weil der Verbraucher nicht kritisch (und sachkundig) genug ist, also der Umsatz dadurch – zunächst – nicht merklich beeinflußt wird. Das sind Folgen des Kartellverbots, die "man" nicht sieht – oder nicht sehen will.

Wohin führt die Praxis des ungehemmten Wettbewerbs, bei dem die marktbeherrschenden Unternehmungen völlig unangefochten bleiben? Die Gefahren, die sich daraus – für den Fabrikanten wie für den Konsumenten gleichermaßen – ergeben, lassen sich am besten aus den kalkulatorischen Überlegungen erkennen, die der mittelständische Betrieb anzustellen hat: zunächst wird – was durchaus zu begrüßen ist – der Posten "Fertigungsgemeinkosten" durch Rationalisierungsmaßnahmen erheblich gesenkt. Dabei aber bleibt es nicht: Sehr bald müssen die Provisionen und zugleich auch die Gewinne gekürzt werden. Schließlich ergibt sich der Zwang, die Posten "Roh- und Hilfsstoffe" und "Verpackung" anzugreifen – also an der Qualität nachzulassen. Dabei haben Tests oft genug ergeben, daß der Verbraucher durchaus bereit ist, für bessere Qualitäten höhere Preise anzulegen! Der Außenstehende wird gewiß schwer begreifen, warum der Fabrikant also nicht unbedingt an der hohen Qualität seines Erzeugnisses festhält... aber die Kapitalnot erzwingt eben diktatorisch ein Ausweichen in die geringerwertige Ware!

Natürlich arbeitet der mittelständische Einzelunternehmer, der fast stets alle Schlüsselpositionen seines Betriebs in seiner Hand vereinigt, "billiger" als der Großbetrieb mit seiner hochdifferenzierten Organisation, bei dem an der Spitze jeder Abteilung teure Spezialisten stehen. Der Einzelunternehmer aber muß, über seine vielfältige Inanspruchnahme hinaus, noch einen wesentlichen Teil seiner Zeit und Arbeitskraft auf die Erlangung von Kredit verwenden. Bis es zur Kreditgewährung kommt, vergehen Monate und Jahre, ausgefüllt mit Verhandlungen, mit der Beschaffung von Unterlagen, Gutachten und so weiter. Wie oft aber ist alle Mühe umsonst aufgewendet! Wer aber weiß, wie heute um den Absatz gekämpft werden muß, und wie stark heute der Unternehmer von früh bis spät vom Einkauf angefangen über Fabrikation, Organisation, Werbung, Verkauf bis zum Inkasso und zur Bearbeitung steuerlicher Fragen in Anspruch genommen ist – der weiß auch, wie sehr ihn die Suche nach Kredit belastet und handikapt. G. K.