Der Verfasser dieses Aufsatzes, Professor Max Tau, war bis 1933 in der deutschen Literatur eine festumrissene Figur. Die Talente, die er entdeckte, die Anregungen, die er aussprach, die Pläne, die er – meist für andere – verwirklichte, sind in einer kurzen Notiz nicht aufzuzählen. 1933 mußte er Deutschland verlassen und flüchtete nach Norwegen. Aber Max Tau gehört zu denen, die nicht hassen können. 1950 verlieh der Börsenverein des deutschen Buchhandels ihm den ersten Friedenspreis, im vorigen Jahr erschien bei uns sein Buch "Und über uns der Himmel", ihn als unermüdlichen Versöhner auswies. Jetzt will er sein Lebenswerk durch die Herausgabe einer Friedensbücherei krönen. In aller Welt sollen Bücher erscheinen, deren Inhalt bei hohem literarischem Niveau dem Frieden und der Versöhnung dient. Ist das die Utopie eines weltfremden Idealisten ..? Keineswegs. Nachdem das erste Buch in einem norwegischen Verlag erschienen ist, haben sieben Verlage in England, USA, Schweden, Dänemark, Israel, Holland und Deutschland mit Max Tau bereits einen festen Vertrag abgeschlossen. Mit fünf weiteren Ländern wird zur Zeit verhandelt. Da der Christian-Wegner-Verlag in diesen Tagen das erste "Friedensbuch" für Deutschland ausliefern wird, veröffentlichen wir einige Gedanken von Max Tau zu seinem Unternehmen.

Wir Menschen können durch die Errungenschaften der Wissenschaft in jedem Augenblick alle Verbindungen herstellen – nur die Verbindung zum Menschen selbst scheint abgebrochen. Die mechanisierte Welt läßt nicht zu, was die menschliche fordert. Darum sind wir alle einsam geworden.

Auf der ganzen Welt gibt es nur einen Menschen, der das Wort Frieden aussprechen darf und ihm gleichzeitig auch den Ursinn zurückgibt – es ist Albert Schweitzer, der durch sein Leben und sein Denken und vor allen Dingen durch seine Tat uns den Weg gezeigt hat, den jeder von uns auf seine eigene Weise gehen muß. Wenn man zwei Weltkriege erlebt hat und das Glück hatte, zweimal in der Stunde der Gefahr von Norwegern gerettet zu werden, dann ist man von einer Dankbarkeit für das Leben erfüllt und will aus dieser Verpflichtung heraus – soweit es einem Menschen möglich ist – auch etwas für den Frieden tun.

Wenn man sein ganzes Leben für die Literatur gearbeitet hat und dem unversiegbaren Wort des Dichters die Kraft der Überzeugung zutraut, dann ist man von dem Glauben erfüllt, daß die Veränderung nur vom Geistig-Seelischen her möglich ist.

In den dunklen Tagen des Krieges, als alle Brücken abgebrochen waren, stieg der Wunsch des Herzens auf, einmal wieder die Brücken der Versöhnung bauen zu können, den Haß zu begraben, die Wunden zu heilen, um wieder zum Verstehen zu kommen. Aus dieser Sehnsucht, die alle bewegte, erwuchs die Idee der Bücherei für den Frieden. Die Literatur der letzten fünfzig Jahre hat uns die Prophezeiung des Unterganges, die Verzweiflung des einzelnen deutlich gezeigt. Diese Visionen der Dichter wurden aus einem tiefen Seelenschmerz geboren. Sie erwuchsen aus der wahren Angst der Seele vor dem Kommenden. Aber denken wir nur einen Augenblick zurück, dann müssen wir erkennen, daß alles, was die Dichter uns zeigten, doch nur Schatten waren gegen das, was die Menschen zu erleiden, zu tragen und zu bestehen imstande waren.

Jeder einfache Mensch kämpfte für die Überzeugung der Ideale, die er in sich trug, aber er wurde immer wieder aufs neue geopfert. Aber nie wieder darf der Mensch geopfert werden. Darum müssen wir wach sein, auf Vorposten stehen und die Verantwortung für morgen übernehmen.

Wir leben in der größten Vertrauenskrise der Geschichte. Die meisten Menschen vertrauen allem – nur der eigenen Entscheidung des Gewissens nicht. Sie vermögen nicht mehr dem Inneren zu lauschen. Wirkliches Vertrauen ist nur möglich, wenn wir wieder miteinander ins Gespräch kommen – wenn wir durch den Respekt für den Anderen gemeinsam die Wahrheit suchen. Jeder Sinn und jede Erkenntnis ist nur durch die Mitarbeit des Anderen möglich. Den Frieden finden, heißt in jedem Augenblick mit sich selbst kämpfen, entsagen können, um ein höheres Ziel zu erreichen.