Der Dezember hat als Sparmonat enttäuscht. Während im letzten Quartal 1954 noch 1,12 Mrd. DM Sparkonten eingezahlt wurden, war es diesmal nur eine halbe Milliarde DM. Hierzu hat zweifellos die Verschlechterung der Bestimmungen über steuerbegünstigtes Sparen beigetragen. Im letzten Quartal 1954 betrug der Zugang an solchen Spareinlagen 480 Mill. DM; 1955 waren es nur noch 118 Mill. DM. Aber auch wenn man dies berücksichtigt, bleibt ein Rest, der zweifellos auf ein Nachlassen der Sparfreudigkeit hinweist.

Die Einzelhandelsumsätze waren dagegen im Weihnachtsmonat höher als je zuvor. Die Konsumfreudigkeit der Bevölkerung wurde also nicht nur durch höhere Einkommen genährt, sondern sie ging auch zu Lasten der Kapitalbildung. Das ist zweifellos ein bedenkliches Symptom. Es zeigt, daß sich die Wirtschaftsentwicklung der Periode der Hochspannung nähert, die nach Prof. Wagemann, dem Direktor des früheren Instituts für Konjunkturforschung, dadurch gekennzeichnet ist, daß das Unternehmungseinkommen aufhört zuzunehmen; das Arbeitseinkommen hält sich dagegen noch auf der erreichten Höhe, ebenso die elastischen Ausgaben. Weiterhin zeigt sich ein Stillstand in der Zunahme der Produktion; die Produktivgütererzeugung tritt den Rückzug an, während die Gebrauchsgütererzeugung zunächst noch steigt.

Klarer kann die augenblickliche Lage, wie sie sich auch in den Zahlen über Spartätigkeit und Einzelhandelsumsätze abzeichnet, nicht beschrieben werden. Dies aber läßt erkennen, daß es noch eine Konjunktur gibt und daß diejenigen, die seit Jahr und Tag behaupten, es gäbe heute in der Wirtschaft keine zyklischen Bewegungen mehr, weil die wirtschaftspolitischen Instanzen auf Grund moderner Erkenntnisse die Entwicklung zu steuern vermögen, sich in einem verhängnisvollen Irrtum befinden.

Es wäre daher ein böser Fehler, wollte man auf eine rechtzeitige Abdämpfung übertriebener Expansionstendenzen verzichten. Jede Übersteigerung führt im Augenblick entweder zu einer Gefährdung der Währung oder zu krisenhaften Rückschlägen. Überspannt man den Bogen nicht, dann besteht eine begründete Hoffnung, daß die kommende Phase lediglich durch eine nachlassende Geschäftstätigkeit gekennzeichnet sein wird und sich daher als eine Zeit der Konsolidierung erweist. W. R.