Von Gertrude von Schwarzenteid

Paris, Ende Februar

Bernard Buffet ist achtundzwanzig Jahre alt, war 1947 noch arm und unbekannt und ist heute, neben Picasso, einer der bestbegabtesten Maler der Welt – seine Ausstellung "Der Zirkus" in der Galerie Drouant-David, Faubourg Saint-Honore, und bei Visconti‚ Rue de Seine, ist ein gesellschaftliches Ereignis. Über den malerischen Wert dieser überdimensionalen Darstellungen trauriger Clowns, magerer Akrobaten und grotesker Kunstreiterinnen sind die Meinungen geteilt. Aber die Ausstellung war schon vor der Eröffnung ausverkauft. Preis eines Bildes zwischen 800 000 und zwei Millionen französischer Franken. (Die rührige Direktion nahm Vorbestellungen für die noch nicht gemalten Bilder der Ausstellung von 1957 entgegen.)

Dieser jähe Erfolg verschlägt manchem jungen Maler den Atem. Man sieht sie in Gruppen vor den Bildern stehen, grüblerisch oder verärgert, sieht sie die dünnüberpinselte Leinwand aus der Nähe prüfen, als ließe sich das Geheimnis des Erfolges aus den Pinselstrichen ablesen, hört ihre Ausrufe: "C’est une blague!" "Das ist keine Malerei!" "Das ist nichts, ganz und gar nichts..."

Wenn diese Malerei nichts ist, woher stammt dann ihre unbestreitbare Faszination? Ist der Fall Bernard Buffet nur ein neues Beispiel des kulturellen Snobismus, der augenblicklich einen großen Teil der modernen Malerei ergriffen hat? Oder liegt hinter der stereotyp tragischen Maske dieser Figuren eine echte Verzweiflung?

Ja, wäre Buffet nicht so jung, könnte man fast meinen, er sei ein Schüler Max. Beckmanns und gehöre zu der Gruppe deutscher Expressionisten der Weltkriegsjahre. Doch bei näherer Betrachtung sieht man, daß er nichts von Beckmanns derber Vitalität und nichts von der Gefühlsübersteigerung der deutschen Expressionisten hat: Wir befinden uns gegenüber seinen grauen, linear-strengen und nüchternen Bildern unmißverständlich im "kartesianischen" Frankreich; nur hat Buffet nicht die Vernunft, sondern die Verzweiflung zu einer Methode gemacht.

In dem Livre d’Or, das wie eine Art Poesiealbum in der Ausstellung aufliegt, ist zwar manche sarkastische Bemerkung zu finden. – "Bravo! Gute Serienarbeit! So läßt sich das Buffet mit einem Minimum an Ölfarbe garnieren!" – "Fabelhaft!" schreiben "vier feurige Verehrerinnen" – "aber warum deformieren Sie derart unsere natürlichen Reize?" – "Madame Buffet muß wohl sehr häßlich sein", schreibt jemand; ein Spaßvogel kritzelte darunter: "Es gibt keine Madame Büffet, aber einen gewissen Monsieur X..."