Von Max Rychner

Rivarol, der Mann mit diesem schönen Namen, lebte 1753–1801; seine Ahnen waren Italiener, er kam in Bagnols als Südfranzose zur Welt, machte in Paris eine glanzvolle gesellschaftliche Laufbahn und starb als Emigrant in Berlin. Sein geschriebenes Werk ist in Frankreich wenig bekannt, in unserm Sprachraum fast unbekannt, aber es sichert ihm einen hervorragenden Platz unter den französischen Moralisten und Aphoristikern. Aus ihm hat Ernst Jünger nun einen Band Maximen ausgewählt:

Ernst Jünger: "Rivarol" (Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt a. M., 12,80 DM.)

Jüngers Übersetzung hat Schärfe und Schönheit eines ursprünglichen Textes erlangt; ausgetilgt sind die Spuren des Mühens, der Skrupel, des wachen Betragens zweier Sprachen, von denen die eine früher ausgebildete Vollkommenheiten der anderen aus eigenem Wesen nachzubilden hatte. Es ist eine Freude festzustellen, daß die Form dieser deutschen Sätze dieselbe Lebensspannung erreicht wie das Original.

Aus Jüngers Vorwort geht hervor, welche Sympathie Rivarol in ihm erweckt hat, dieser Eroberer der höchstgezüchtetsten und schwierigsten Gesellschaft Europas, so begabt für das Gespräch, daß er sich darin ausgab und sich nur schwer zum Schreiben überwand, überragend in seinem denkenden Verhältnis zur Sprache und ausgestattet mit einem Sinn für Qualität – er verwandte, wie Lessing, den damals üblichen, seither mit der Sache untergegangenen Begriff: Geschmack –, der ihn über die meisten Zeitgenossen erhob und ihn das mit der Revolution von 1789 eintretende Elend der Literatur erkennen und verspotten ließ.

Sein Witz, der ihm Feinde schuf, war eine Form des unbestechlichen Urteils, und dieses wurde geleitet von seinem Sinn für Größe: er hat Dantes Inferno übersetzt, hat sich an Augustin und Pascal gehalten, als die Göttin Vernunft auf ihr Thrönchen gehoben wurde und die Gleichheit mit der Guillotine propagiert und hergestellt werden sollte. Zu den wenigen, welche die Revolution und viele ihrer Folgen voraussahen, gehört er; ihr und den sich reihenweise gleichschaltenden Literaten entzog er sich durch die Emigration nach England, Hamburg, Berlin. Keinen Schritt kam er dem gewaltigen Zeitgeist entgegen; er blieb Anwalt eines Königstums, für das es indessen keinen geborenen König mehr gab, sondern nur noch die Idee. Mit kalter Aufmerksamkeit hat Rivarol den Taumelgang der Entwicklung mit seiner auch an Montesquieu geschulten Gescheitheit verfolgt und auf die unter neuen Umständen sich neu vollziehende Offenbarung altgewußter Gesetzmäßigkeiten des politischen Lebens geachtet. Darin ist er das Muster eines Konservativen, daß er zwar nicht an dauernde Zustände, aber an dauernde Gesetze im Gang der Geschichte glaubt. Groß an ihm ist nicht so sehr dieser Glaube, als die von ihm bestimmte Wahrnehmung und Kritik der Ereignisse, die Erkenntnis ihrer historischen Verwandtschaften: er ordnet die zusammengehörenden zueinander wie Linné die Pflanzen.

Ein Sprachkünstler, der politisch und staatstheoretisch interessiert war, zugleich aber Distanz wahrte zur Politik, um ein einzelner zu bleiben – es ist kein Zufall, daß Ernst Jüngers Aufmerksamkeit an ihm hängenblieb. Gemeinsame Interessen, gemeinsame Erfahrungen, darunter die Grunderfahrung der Revolution. Dazu folgende eigene Beobachtungen Jüngers: "Die Revolutionen entwickeln sich nicht logisch-konstruktiv, sondern nach Art organischer Vorgänge, an denen weniger der Kopf beteiligt ist als das vegetative System. Sie haben ihre "Tage", ihre Spasmen und Schübe, die weniger der Plan herbeiführt als zufällige Auslösungen: das dunkle Gerücht, die Panik, ein Raufhandel auf der Straße, ein Attentat. Dazwischen und auch daneben, in anderen Vierteln, läuft das Leben weiter; die Post wird ausgetragen, man geht wie immer ins Caféhaus." –