Wiesbaden, im Februar

Ob August Martin Euler wirklich der historische Auftrag zugefallen ist, eine "große bürgerliche Rechtspartei liberaler Prägung" zu gründen und zu führen, mußte sich nach Auffassung seiner Freunde und seiner Gegner in Hessen entscheiden, dem nach Nordrhein-Westfalen zweitstärksten (und gemessen an der wahlberechtigten Bevölkerung stärksten) Landesverband der Freien Demokraten

Zehn Jahre lang hat der Rechtsanwalt aus Bad Hersfeld die hessische FDP geführt. Er hat ihr Gesicht geprägt, er hat mit starker Hand für Ordnung und Parteidisziplin gesorgt – für eine fiel ausgeprägtere Disziplin und Geschlossenheit, als sie irgendein anderer Verband dieser von allen Tugenden und Schwächen des Individualismus gezeichneten Partei jemals erreichen konnte. Die Mehrheitsverhältnisse im "roten Hessen" hatten es mit sich gebracht, daß hier die FDP in der seit elf Jahren regierenden Sozialdemokratie die Hauptgegnerin sah. Seit fünf Jahren ist auch die CDU Oppositionspartei, naturgemäß im engsten Bündnis mit den Freien Demokraten.

Die Kritik an Dehler und die Verärgerung über das Zusammengehen der FDP mit den Sozialdemokraten in Düsseldorf war nirgends stärker spürbar als in der hessischen FDP. Hier in Hessen also mußte Euler für sein politisches Vorhaben, das vor einer Woche mit dem Auszug der sechzehn Bundestagsabgeordneten aus Dehlers Fraktion begann, naturgemäß den stärksten Rückhalt finden. In den Augen Eulers und seiner Freunde wäre es nur natürlich gewesen, wenn der Landesverband Hessen geschlossen hinter seinem ersten Vorsitzenden in die Sezession und darüber hinaus in die neue Deutsche Volkspartei, oder wie immer die Partei einmal heißen mag, marschiert wäre. Daß dies nicht geschah, daß im Gegenteil Euler bei der dramatischen Sitzung seiner hessischen Funktionäre im Kurhaus zu Bad Nauheim eine erste und wohl die entscheidende Niederlage erlitt, hat er sich in erster Linie selbst zuzuschreiben.

Die eiserne Disziplin, die er zehn Jahre lang diesem militanten Landesverband eingehämmert hatte, kehrte sich gegen ihn, als er – ein schlechter Taktiker und gewiß weder Intrigant noch "Dauerspion des Bundeskanzlers", wie Reinhold Maier behauptete – polternd aus dem Verhandlungssaal stürmte und seine Anhänger ratlos zurückließ. Er selbst war zuvor ebenso wie die drei weiteren hessischen Mitglieder der Sechzehnergruppe, die Abgeordneten Hepp, Dr. Preiß und Dr. Schneider, Gießen, auf temperamentvolle Rebell zum Einzelgängertum als zum "Führer" hat. Er ist eigentlich ein Dehler mit umgekehrten Vorzeichen, oder noch nicht einmal das – vielleicht nur ein verhinderter Dehler ...

Heinrich David