Fortsetzung von der Utnseite

Bewegung erfordert, scheint geeignet, die Unordnung unserer gesellschaftlichen Beziehungen zu verringern, unsere Sitten und sogar die Formen der Liebe zu beeinflussen. Dior: "Bereit zu sein, sich den schwierigen Gesetzen der Eleganz zu fügen, das ist eines der Mittel, die zur Selbstbeherrschung führen, eines der Mittel, sich auf das abzustimmen, was die Welt der Dinge. Eine sehr rührende Seite der Mode ist der Wunsch zu gefallen, der Wunsch, die Empfindungen der Liebe immer wieder zu beleben. Mode mindert die Last des Alterns und unserer körperlichen Unvollkommenheit.

Die Pariser Couturiers haben in dieser Saison die schon im Herbst lancierte, hochtaillierte Linie des Directoire und Empire abgewandelt, ohne die Provokationen der "nackten Mode" zu übernehmen. Ähnlich den Bemühungen im Empire-Stil, der ansetzte, um dem Chaos, das die französische Revolution hinterlassen hatte, und der Auflösung der Sitten ein Ende zu machen, vermeidet man es, durch die neuerdings wieder verwandten zarten und durchsichtigen Stoffe, wie Chiffon, die Figuren ahnen oder sehen zu lassen, wie es die Chemisentracht zur Zeit Napoleons ungeniert tat. Nur die glatten Ausschnitte der Kleider, Caracas, Boleros und kleinen Jacken erinnern oft an Kinderhemdchen. Trotzdem hat Dior sein distinguiertes Publikum und seine gelassenen Kritiker auch diesmal so schockiert, daß immer wieder eine Welle der Entrüstung oder der begeisterten Zustimmung durch die Räume ging.

Sein Einfallsreichtum läßt keine Langeweile aufkommen. Er steckte die Frauen in futteralenge Etuikleider und fordert damit nicht nur Gemessenheit der Bewegung und selbstbeherrschte Haltung, sondern auch Kasteiungen, um die notwendige schlanke Linie zu erreichen.

Am leichtesten werden es die Amerikanerinnen haben, die es sich schon längst zur Regel gemacht haben, an diet zu leben; vielleicht fällt es ihnen weniger schwer. Möglich, daß Dior zu ihnen hinübergeblinzelt hat, wie die Verächter der Geschäftstüchtigkeit seines Hauses sagen. Tschechow hat die "Menschen im Futteral" verspottet, die sich alle gleichmäßig bewegen, die ängstlich sind und konventionell tun, was "man tut". Ein bißchen mehr allgemeine Gesittung, ein Leben im Futteral – wenigstens eine Saison lang – wird uns heute sicher gut tun. Im Directoire wurde bei der Vorliebe für die Antike der Kleiderstil dem angeglichen, was man damals für griechisch hielt. Dior predigt die schöne Einfachheit antiker Kleidung, die frei ist von geschmackloser Überladenheit. Doch ist er selbst, so zeigt der gleißende Prunk mancher Modelle, nicht immer frei davon, wenn er an seine Kundinnen denkt – die schließlich zu den reichsten Frauen in der ganzen Welt gehören.