Oskar Kokoschka, der große expressionistische Maler, feiert am 1. März seinen siebzigsten Geburtstag. Er stammt aus einer alten österreichischen Künstlerfamilie und trat 1908 mit Fresken und farbigen Skulpturen in einer Wiener Kunstausstellung erstmalig an die Öffentlichkeit. Nachdem er 1933 ins Exil gegangen war, wurden seine Werke aus den deutschen Museen entfernt und nur noch auf der Wanderausstellung „Entartete Kunst“ als das „Entartetste des Entarteten“ gezeigt. 1952 erhielt Kokoschka den Lichtwark-Preis der Stadt Hamburg, in deren Auftrag er Bilder vom Hafen, den damaligen Bürgermeister Max Brauer und das Thermopylen-Triptydion malte. Aber Kokoschka ist nicht nur Maler, sondern auch Schriftsteller von hohem Rang. Das beweist die Jugenderinnerung, die wir hier veröffentlichen. Sie wird auch enthalten sein in dem demnächst im Albert Langen/Georg Müller Verlag in München erscheinenden Buch „Schriften 1907 bis 1955“, das Kokoschkas Dichtungen, Dramen, Kurzgeschichten und autobiographische Aufzeichnungen enthält.

Der Mensch lebt nicht allein vom Brot, wie die Kirche sagt, aber von Worten allein kann man auch nicht satt werden. Das hatte ich in meiner Sturm- und Drangzeit in Berlin erfahren müssen, als ich die Reihe jener Porträts gemalt habe, von denen der Volksmund nicht, wie üblich, sagen konnte, „das Gewand macht das Mandel“, und die später ihren Weg in die bekannten Museen der Welt fanden. Ich kam selten zum Signieren der Bilder, denn damals schämte ich mich noch, meine Arbeit zu verkaufen; am entscheidenden letzten Tage hatte ich immer Hemmungen. Oft ließ ich Bild und Farbenkasten im Stich; besonders die Anschaffung eines neuen Farbenkastens wurde zum Problem. Ich hätte gern das Geheimnis gelöst, ein unabhängiger Künstler zu bleiben, ohne dabei zu verhungern. Wie oft habe ich meine Nase im Winter an die gefrorenen Fensterscheiben des Romanischen Kaffeehauses gedrückt, um den Prominenten da drinnen dieses Geheimnis abzulauschen.

Meinen ersten Weihnachtsabend in Berlin verbrachte ich bei einem Freund, einem entlassenen, halberblindeten Schauspieler, welcher Propagandavorträge über moderne Malerei im Lokal des expressionistischen Kunstblättchens „Der Sturm“ veranstaltete, welches ich mitbegründet hatte. Beide saßen wir in Decken eingehüllt, weil wir kein Holz zum Heizen hatten, die steifen Hände erwärmten wir über einer Teekanne, die über einem Spirituskocher stand. Der Himmel war voller Sterne, und vom vierten Stock des Hinterhauses sah man auf den Hof hinunter, wo der eisige Wind hohe Schneemassen aufeinandergetürmt hatte, die der Hausbesorger dem nächsten Frühling zum Aufschmelzen überließ. Ein besonderer Anlaß hatte uns beide befreundet. Nicht weil wir beide verlassen im großen Berlin dastanden, niemand meine Arbeit verstand und jeder sein Spiel verlachte, nein! Wir beide haben Dinge gesehen, die für die anderen einfach nicht da waren. Vielleicht war unser Blut vom vielen Fasten dünner. Wir phantasierten zusammen von einer Tochter, der wir uns einigten den Namen Virginia zu geben. Immer haben Künstler zu hungern verstanden, doch keine Zeit hat so viele kunsttechnische Ausdrücke für die künstlerische Sublimierung des Hungers gefunden, wie die unsere. Expressionismus, Futurismus, Kubismus, Dadaismus, Surrealismus und so weiter nährte eine ganze Generation von Kunstschriftstellern, bevor Herr Rosenberg, die ästhetische Autorität des Dritten Reiches, darin Modus schaffte und alles für Schwindel und Entartung erklärte.

Eins, zwei, drei, vier, fünf zählte ich an den Fingern meiner leeren Hand. Was Ziffern bedeuten können! Zur Dezimale erhöht, zum Kubus erhoben, die Wurzel daraus gezogen, doch wußte ich nicht, wie das aus dem Schulheft gewonnene Wissen so zu nützen, daß die Zahlen Geld wurden Erst das Geld gibt dem Menschen Macht über die Erde, nicht das Wissen. Hätte man damals die Chancen meines Lebens berechnet, wo ich Mitbesitzer der modernsten deutschen Kunstzeitschrift zusammen mit Herwarth Walden war, Dichter und Zeichner, Varietekritiker, Propagandachef und Austräger in einer Person, niemand hätte für meine Zukunft etwas gegeben. Mein Vermögen bestand in den Kleidern, die ich am Leibe trug, einem eisernen Bett, einer Waschschüssel, einem Handtuch. Meine Kammer hatte mir die Redaktion zur Verfügung gestellt. Am Sonntag konnte ich mich an Aschinger Würstchen satt essen für eine Mark. Weil ich jung und kräftig war, genügten Brot und Tee für die anderen Tage der Woche als Nahrung.

Schon vor Weihnachten hatte ich mit meinen Freund bei unseren Zusammenkünften das Schicksal der Tochter unserer Hungerleiderträume ausgedacht. Mit Glanz und buntem Flitterwerk der Phantasie hatten wir jener Gestalt, die vor unseren geistigen Augen in ihren Kinderschuhen stand, bereits so weit Wirklichkeit verliehen, daß durch die Anwesenheit eines lieben, vertrauten Gastes unser Leben beglückt wurde und wir um nicht mehr einsam fühlten. Mochten die Feiertage träge dahinschleichen und der Winter immer grimmiger werden, die eingebildete Wirklichkeit unserer Virginia, als ein lichter Geist, hatte ganz andere Bedingungen in Raum und Zeit. Zusehend; wuchs sie vor uns heran, und wir erzählten uns abwechselnd kleine Begebenheiten aus ihrer Kindheit, als ob schon lange Zeit dazwischen verstrichen wäre. Wie sie mit einer Schildkröte gespielt hatte und, als ein kleines Mädchen damals, wie ein Akrobat auf einer rollenden Kugel mit den ausgestreckten Händchen Balance halten konnte.

Es war angenommen, weil jetzt Winter war, daß diese Schildkröte im Keller schlief. Unser Kind war nicht ganz real, so hatten auch seine Erzeuger einen etwas zwiespältigen Charakter. Uns, der „eingebildeten Alten“ gegenüber, die da Wärme von den Decken bergen mußten, in welche eingemummelt wir vor Kälte zitterten, war das Mädchen immer die Aufmerksamkeit, Folgsamkei: und Liebe selber gewesen. Aber wir vergeßlich Gewordenen hatten uns keine Rechenschaft darüber gegeben, daß dieses wärmespendende Wesen, das inzwischen zu einer Jungfrau herangeblüh: war, das Spielzeug einer großen Leidenschaft wurde. Genügsam und bescheiden geworden, konnten wir Alten eine solche Liebe weder verstehen noch billigen. Virginia liebte einen jungen Mann. Deshalb machten wir uns gegenseitig giftige Vorwürfe, daß wir, als noch Zeit gewesen, diese und jene Belehrung zu geben versäumt hatten, Unsere Schuld war es, daß Virginia vom geraden Weg abgekommen war. Vielleicht verstanden wir diese neue Zeit nicht mehr. Egoistisch geworden, brachten wir einfach nicht so viel Gefühl in unseren vertrockneten Herzen auf, um einer neuen Generation gerecht zu werden, einer jungen, die andere Anschauungen hatte, als wir zu unserer Zeit. Wir nahmen es übel, daß ein Mädchenherz, von Sehnsucht und Leidenschaft bewegt, sich aus dem sicheren Heim in die weite Welt hinauslocken ließ. Hätten wir besser nicht dem Bäumchen helfen sollen, ein starker Baum im Sturm zu werden? Sollte dank unserer Erziehung dies heftig schlagende junge Frauenherz in der Enge verkümmern? Ja, wir hatten sogar nicht die List verschmäht, diskret einen jungen, eleganten Herrn warnen zu lassen, die Jungfrau mit seinen Anträgen nicht länger zu verfolgen. Er hat sie doch am Ende verführt. Wer weiß, wie viele Nächte sie ihr Geheimnis nicht schlafen hat lassen und welche bittere Tränen es sie kostete, daß sie nun das Leben mit allen seinen Irrtümern und Torheiten allein für sich zu leben hatte. Wir Alten, trotz unserer gereiften Erfahrung, wir waren ihr entbehrlich. Unser Gedächtnis wurde zusehends schwächer, ja, wie lange war sie denn schon entlaufen? Laßt uns nachrechnen! Den Gabentisch, den wir alle Weihnachten für die Abwesende aufgebaut hatten, ja, nun war es zum drittenmal, daß wir das Wachslicht auf dem Bäumchen anzündeten. Denn mein Freund hatte, von einer Einladung bei Freunden vom Theater, die sich zufällig seiner erinnert hatten, ein rosa Kerzchen mitgebracht. Heute wird sie kommen, sie muß, und noch zu dieser Stunde!

Sie mußte es einfach tief in ihrem Gewissen fühlen, daß wir das Unrecht verziehen, vergeben hatten. Obwohl die Geschichte von uns beiden nur zu unserer Unterhaltung ausgedacht war, hätten unsere Empfindungen nicht lebhafter, bewegter sein können, wenn da Virginia leibhaftig zur Tür eingetreten wäre. Mein Freund plagte mich schon die ganze Zeit, ich sollte, als der jüngere und beweglichere, in den kalten Keller hinuntersteigen, um, vorsichtshalber, noch rechtzeitig, bevor Virginia kam, nach ihrer Schildkröte zu sehen. Denn was wird Virginia sagen! Wie sollen wir uns rechtfertigen vor ihr? Was für ein Wermutstropfen im Kelch würde die Freude des Wiedersehens vergällen, sollte dem Tierchen während der Abwesenheit seiner Pflegerin etwas zugestoßen sein. Mit gebrochenen Schwingen, demütig, stand sie vor dem Elternhaus im Schnee und wartete, ob die Türe aufgetan werde.