Die Konsolidierung der Verhältnisse, die wir ganz allgemein in der westdeutschen Wirtschaft feststellen können, ist auch aus den Bilanzen der Aktiengesellschaften abzulesen. Natürlich ist die Entwicklung durch manche Unterschiede gekennzeichnet, aber diese Unterschiede erstrecken sich mehr auf das Ausmaß des Fortschritts als auf die wirtschaftliche Entwicklung. In der Metallindustrie und in der Textilindustrie, aber auch innerhalb der Produktionsstufen der Papierwirtschaft läßt sich deutlich erkennen, daß die Erträge mit steigender Produktionsstufe ungünstiger werden. Das hängt mit der Schärfe des Wettbewerbs auf den Verbrauchermärkten zusammen.

In den Abschlüssen für 1954 kommen zum ersten Male auf breiterer Grundlage die Erhöhungen der Aktienkapitalien zur Auswirkung. Teilweise handelte es sich nur um vorsorgliche Kapitalerhöhungen, die zum Abbau der kurzfristigen Verpflichtungen verwendet werden. Aber ein Teil dieser neuen Mittel, auch solcher, die durch die Aufnahme langfristiger Kredite angefallen sind, ist zum Erwerb von steuerbegünstigten Wertpapieren verwendet worden. Ein besonders interessantes Beispiel für die Blüten einer nicht wirtschaftlich, sondern politisch ausgerichteten Lenkung des Kapitalmarktes. Die Gewinnminderung durch den Erwerb abschreibungsfähiger Wertpapiere bringt steuerliche Vorzüge, die alle Grundsätze einer soliden Finanzpolitik außer Kurs setzen.

Die Kapitalverbreiterung durch Aufstockung der "Freien Rücklagen" aus den Reingewinnen hält sich in engsten Grenzen. Teilweise sind aber beachtliche Verbreiterungen der Eigenkapitalien auf diesem Wege durch den Ausgleich von Höherbewertungen der Anlagen oder sonstiger Vermögenswerte zur Berichtigung der DM-Eröffnungsbilanzen zu verzeichnen. Auch fließen zunehmend Rücklagen aus den Rückstellungen, die in den ersten Jahren nach der Währungsreform reichlich gebildet wurden, aber gegenüber den Finanzbehörden nicht mehr als solche durchzusetzen sind, nachdem die tatsächlichen Risiken besser abzuschätzen bzw. die zugrunde liegenden Geschäfte und Garantiefristen beendet sind.

Die gebundenen Rückstellungen zeigen wie bereits im Vorjahre wieder stärkere Ausschläge nach beiden Seiten. Dabei sind typische Branchenentwicklungen festzustellen, aber auch innerhalb der einzelnen Branchen ist die Entwicklung der Gesellschaften jeweils sehr mannigfaltig. Ein Teil dieser Änderungen sind buchtechnischer Natur, so wenn Rückstellungen aufgelöst werden mußten oder Rückstellungen für den Lastenausgleich und Unterstützungszwecke unter die Verpflichtungen verbucht wurde. Darüber hinaus sind aber auch weitgehende Veränderungen zu verzeichnen, die unmittelbar das Finanzbedürfnis der Unternehmen beeinflussen.

Teils wurden wiederum aus den Jahreserträgnissen sehr erhebliche Rückstellungen vorgenommen, während andererseits die Verpflichtungen in entsprechendem Umfange abgebaut werden konnten, so daß recht kräftige finanzielle Entlastungen erzielt wurden. Teils wurden aber auch beachtliche Beiträge den Rückstellungen entnommen, insbesondere für fällige Steuerzahlungen, was zu einem entsprechenden Bedarf an finanziellen Mitteln führte. So hat sich das Verhältnis des Eigenkapitals zum Gesamtkapital recht unterschiedlich entwickelt. Aber im allgemeinen kann kaum gesagt werden, daß dieses Verhältnis übermäßig angespannt wurde, sofern nicht besondere Verhältnisse vorliegen. Die Zahl der Insolvenzen von Aktiengesellschaften hält sich auch in sehr engen Grenzen. Sie sind auf die besonders ertragsschwachen Unternehmen von Industriezweigen mit wenig günstiger Allgemeinlage beschränkt.

Bei dem Abbau der kurzfristigen Kredite spielt die Konsolidierung durch Aufnahme langfristiger Kredite vorerst eine geringe Rolle. Nur wenige Gesellschaften haben höhere langfristige Kredite aufgenommen. Leichtere Erhöhungen stehen im Zusammenhang mit dem Erwerb von belasteten Grundstücken. Häufig wurden aber auch die Darlehen von Unterstützungskassen und die Verpflichtungen aus dem Lastenausgleich erhöht. Diese Steigerungen brachten aber keine neuen Fremdmittel, sondern stellen Sonderverwendungen aus den Einnahmen dar. Soweit die kurzfristigen Verpflichtungen tatsächlich abgebaut werden konnten, was gar nicht selten und teilweise sogar sehr erheblich der Fall war, wurden zunächst die teueren Bankkredite abgebaut und die Außenstände bei Lieferanten durch Barzahlungen mit Diskontabzug abgelöst, während die Wechselkredite als letzte abgebaut wurden, wenn nicht sogar Bank- und Lieferantenverpflichtungen auf Wechselverpflichtungen umgelagert wurden. In den Kreditbeziehungen der einzelnen Produktionsstufen ist festzustellen, daß der Abbau der Kredite bei den unteren Produktionsstufen stärker ist als bei den oberen Produktionsstufen, die ihren eigenen Kunden, insbesondere dem Handel, selbst größere Kredite geben mußten als die nachfolgenden Produktionsstufen.

Die Umsatzsteigerungen führten auch zu Erhöhungen der Betriebserträge auf breiter Linie. Zwar, fehlen Rückgänge der Betriebserträge nicht ganz, aber die Unterschiede in der Entwicklung sind stärker am Ausmaß der Steigerungen abzulesen. Auch die "Sonstigen Erträge" haben steigende Tendenz, teils weil die Beteiligungserträge zunehmen oder der Zinssaldo günstiger wurde. Die mehr oder weniger unfreiwillige Auflösung von Rückstellungen spielt ebenfalls eine erhebliche Rolle. Teilweise wurden aber auch die Hilfen der nicht betriebseigenen Erträge zum Ausgleich der Erfolgsrechnung nicht mehr benötigt, so daß sie in der Bilanz verschwanden, und zur stillen Kapitalbildung verwandt wurden. Die Löhne und Gehälter sind sowohl aus vermehrtem Arbeitseinsatz als auch aus steigenden Tarifen ansteigend. Demgegenüber hat der Steuer aufwand in seiner Grundlinie rückläufige Tendenz. Die Gewinnkürzungen durch erhöhten Lohnaufwand wirken hierbei ebenso mit wie die erhöhten Abschreibungssätze in vielen Industriezweigen, nachdem für 1954 erstmals die degressive Abschreibungsmethode grundsätzlich anerkannt worden ist. Soweit die Gesellschaften hohe Ausschüttungen haben, brachte ihnen die Ermäßigung des Körperschaftsteuersatzes für die Ausschüttungsbeträge ebenfalls eine spürbare Entlastung. Andererseits zeigen insbesondere die noch aufholenden Industriezweige höhere Steueraufwendungen. Die Abschreibungen auf Anlagen sind nicht nur entsprechend den Umsatzerhöhungen gestiegen, sondern der Übergang zur degressiven Abschreibungsmethode überhöht die Steigerungen teilweise sehr erheblich. Die steuerliche Bilanz dieser Umschaltung wird man jedoch erst in einiger Zeit ziehen können. G. P1um