Seitdem die friedliche Nutzung der Atomenergie immer mehr in die praktischen Planungen einbezogen wird, sieht sich die Versicherungswirtschaft vor die nicht leicht zu lösende Gretchenfrage gestellt, wie sie es mit dem Atomrisiko halten will. Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft e. V. hat denn auch schon vor einiger Zeit einen Kernenergie-Ausschuß gebildet, dessen Mitglieder jetzt dem Bundesaufsichtsamt für das Versicherungs- und Bausparwesen in Berlin Bericht über die Probleme des Versicherungsschutzes erstattet haben. Man darf der deutschen und ausländischen Versicherungswirtschaft bescheinigen, daß sie im Laufe der letzten Jahrzehnte früher für nicht realisierbar gehaltene Schutzmaßnahmen gefunden hat, die ebenso wirksam für den Versicherten wie ertragreich für die Versicherungen geworden sind. Aber die jetzige Frage scheint, wenigstens im Augenblick, mit den überlieferten Vorstellungen genausowenig in Einklang zu bringen sein wie die technische Entwicklung. Denn ein Kommuniqué über die Berliner Expertenberatungen besagt nicht mehr und nicht weniger als: "Wenn auch die stürmische Entwicklung der Nutzung dieser Energie eine abschließende Beurteilung gegenwärtig noch nicht zuläßt, sind die Aufsichtsbehörde und die deutschen Versicherer darüber einig, daß Wege gefunden werden müssen, um einen Versicherungsschutz unter Berücksichtigung der besonderen Verhältnisse des Einzelfalles zu ermöglichen."

Hier steht man vor einer wahrhaft problematischen Aufgabe. Man denke nur an die Festlegung eines versicherungstechnisch hieb- und stichfesten Begriffes von der "friedlichen" Nutzung. Wo ist die Grenze zwischen friedlicher und militärischer Nutzung, und wo etwa ist der Unterschied zwischen dem gesundheitlichen Schaden, den ein "friedlicher" oder ein "unfriedlicher" Atomstrahl auslösen kann, der den Mitarbeiter eines Versuchslabors trifft? Bisher scheint es so, als ob Gretchen sich nach einiger Überlegung auf ihre Versicherungsfrage selbst antworten muß: "Heinrich, mir graut vor dir!" gns.