Wenn in Westberlin von "Berlinhilfe" die Rede ist, erregt dieser Begriff oft widersprechende Gefühle. Einerseits kennt man hier die Schwierigkeiten des Inseldaseins am besten und weiß daher auch, welche Bedeutung der Verbindung und Verbundenheit mit dem freien Westen zukommt. Andererseits hat Berlin auch seinen Stolz, der sich gegen Geschenke wehrt. Berlin will nun einmal nicht als der "arme Verwandte" angesehen wercen, der durch hin und wieder gewährte Almosen vor dem endgültigen Verhungern bewahrt bleibt, Sandern erwartet unter Hinweis auf seine eigene Leistungskraft von den übrigen Gliedern der "Familie" nur eine befristete Unterstützung seiner Bemühungen, den wirtschaftlichen Abstand zum Bundesgebiet immer weiter zu verringern.

Vielleicht ist es die Bekundung eines Solidaritätsgefühls der Norddeutschen, wenn zu den offiziellen Besuchern Westberlins in den letzten Monaten – die sich hier nicht nur interessiert imsahen, sondern auch eine Initiative zugunsten Berlins entwickelten – Bürgermeister und Senatspräsident Kaisen aus Bremen, der schleswig-holsteinische Ministerpräsident von Hassel und der Hamburger Bürgermeister und Senatspräsident Dr. Sieveking gehörten. Der wirtschaftliche Charakter des Berlin-Besuches von Dr. Sieveking wurde dadurch unterstrichen, daß er sich in Begleitung eines guten Dutzend führender Wirtschaftler der Hansestadt befand. Man hat in Berlin keine Geschenke zurückgelassen, dafür aber einige konkrete Abmachungen getroffen, die auf die Dauer im Sinne der erwünschten Berlinhilfe viel wirksamer sein dürften. Die Hamburger werden der Berliner Wirtschaft ihre Erfahrungen und Verbindungen zur Ausweitung des Exports zur Verfügung stellen – durchaus nicht als Philanthropen, sondern in der berechtigten Erwartung, damit ihre eigenen Geschäfte verbessern zu können. Denn da bisher schon rund drei Viertel des Berliner Exports über Hamburg läuft, liegt jede Belebung auch im Hamburger Interesse. Auf Veranlassung des Ibero-Amerikanischen Vereins werden die in Bonn akkreditierten Handelsattaches der südamerikanischen Staaten demnächst Berlin einen Besuch abstatten, und alle Ländervereine von Hamburg und Bremen sind übereingekommen, Tagungen auch an die Spree zu verlegen. Umgekehrt wird man der Berliner Absatzorganisation Gelegenheit geben, den eigentlichen Hamburger Markt und die von den Hamburger Exporteuren belieferten Märkte kennenzulernen und zu erschließen.

Es kann nur immer wieder betönt werden: die wirksamste Hilfe für Berlin besteht in Aufträgen, die seiner noch längst nicht voll ausgenutzten Leistungsfähigkeit entsprechen. gns.