Von Wolfgang Paul

Mit Winckelmann, der 1763 in seiner "Kunstgeschichte" einige seltsame Bronzeskulpturen aus Sardinien erwähnt, die er in einem römischen Museum gesehen habe, begann die neuere Geschichte jener merkwürdigen, an Zahl geringen, aber an Ausdruckskraft und archaischer Schönheit bedeutenden Bronzetten, die heute im Museum zu Cagliari ausgestellt sind und durch ihre seltene, meist kriegerische Ausdrucksform faszinieren.

Aber Winckelmann, irritiert durch die "vollkommene Barbarei" dieser Figuren, wurde von ihnen abgestoßen. Sein Bild, das er von der antiken Plastik hatte, vertrug diese "Außenseiter" nicht.

Fast zweihundert Jahre später, heute, scheinen diese Bronzetten bestimmt zu sein, nicht nur die Formensprache eines Picasso, eines Henry Moore oder Marino Marini zu erklären: sie treten auf einmal in unser Bewußtsein und lassen uns nicht mehr los. Neben Mykene, Knossos und Athen ist plötzlich Sardinien getreten.

Noch umgeht der jährliche Touristenstrom Sardinien, aber es ist zu erwarten, daß in absehbarer Zeit auch diese Insel seinem Sog verfallen sein wird. Dann dürften die Bronzetten von Cagliari ebenso zum Bildungsgut der Fremden geworden sein, wie die antiken Statuen im Museum des Vatikans.

Es gibt nur rund vierhundert dieser archaischen Bronzetten. Sie stehen – die meisten kaum handgroß – in einem kleinen Saal des verträumten, wenig besuchten Archäologischen Museums der sardinischen Hauptstadt Cagliari neben dem "Elefantenturm" der Pisaner aus dem 12. Jahrhundert. Wem es gelingt, den Custoden durch heftige Schläge gegen die eichene Tür herbeizulocken, der steht vor einem Abenteuer, das C. W. Ceram verfehlte.

Denn eine abendländische Kultur ist mit diesen Bronzetten zu entdecken, die größere Eleganz besitzt als das Atridengrab, und deren wenige Zeugen plötzlich unseren westeuropäischen Kulturkreis erheblich erweitern. Mit Sicherheit ist ihre Entstehung noch nicht zeitlich festzuhalten. Sie werden heute datiert vom 2. Jahrtausend v. Chr. bis zum achten und sechsten Jahrhundert v. Chr. – ein Zeitraum, der erheblich vor der archaischen griechischen Kunst liegt und mit den berühmten Metopen von Selinunt endet, deren Ruhm jedoch durch die Bildkraft der Bronzetten heute geschmälert erscheint.