Die wechselnde Schreibung seines Vornamens bezeichnet die drei Sprachwelten, denen er angehörte. Iwan schrieb sich Goll in Metz, wo er das Gymnasium besuchte, und in Straßburg, wo er den Doktor machte, wo er deutsch sprach und deutsch dichtete. Daß es auch während des ersten Weltkrieges pazifistische Lyrik in Deutschland gab, dokumentierte 1919 eine der Anthologien Iwan Golls. Das ging an die Adresse seiner anderen Heimat Frankreich. Ihr gehörte der Elsässer durch die Sprache seines Elternhauses an. Auf dem Père Lachaise ruht der Weltbürger Goll neben Chopin, Victor Hugo und Oscar Wilde. Dazwischen lag Amerika. Aus Ivan, dem französischen Lyriker und Romancier, war Yvan Goll geworden, seit 1940 ein echter und führender Dichter Amerikas, wie er anfangs ein deutscher Expressionist gewesen war. Ein amerikanisches Atompräparat verlängerte um fünf Jahre sein von Leukämie bedrohtes sieben. Als Goll 1949 nach Europa zurückkehrte, am PEN-Kongreß in Venedig teilnahm, heimkehren wollte auch zur deutschen Dichtung, da verrann das Leben dieses dreisprachigen Dichters. Sechzehn europäische Schriftsteller erboten sich, ihm Blut zu spenden.

Als Nachklang seines auch der Bühne zugewandten Schaffens bot das Hessische Staatstheater jetzt in Wiesbaden die Uraufführung von Golls Märchenspiel Melusine. Es ist 1920 in Paris entstanden. Goll war 29 Jahre alt. Claire Goll, die Gattin, Mitdichterin und Empfängerin der bezauberndsten Liebesgedichte dieses heimatlosen Mannes, dem nur die Zweisamkeit als fester Ort in der Welt galt, Claire Goll erzählt den biographischen Anlaß. Das junge Paar Goll wohnte in Paris einem uralten Park gegenüber, der eines Tages vermessen, verkauft, bebaut wurde. Hier hatte sich Frau Claire mitten in der Großstadt als "lyrischer Erdgeist" gefühlt. Jetzt rief sie Ivan zu Hilfe. Er schrieb "Melusine". Die französische Nymphe, die auch die deutsche Literatur inspiriert hat, ist für Goll die unberührte Frau eines Häusermaklers, der mit ihrer Mutter ein "Verhältnis" hatte. Dieser realistische Rahmen ist matt geraten. Realistisch sollen, wie Madame Melusine mit dem Fischschwanz am Gesellschaftskleid nach dem neuesten Schnitt, auch die Elementargeister des Parks verstanden werden: Pythia, die im hohlen Weidenbaum wohnt, und der alte Feldhüter, der sich inzwischen als Globetrotter die Beine stumpf gelaufen hat. Aber die symbolische Transzendenz dieser Gestalten will nicht einleuchten. Pythia wirkt wie eine halbseidene Wahrsagerin, und auch vom Feldhüter Oger kann man sich nicht vorstellen, daß ihm die Blumen, Tiere und Geister des Naturreichs Untertan seien.

Geriet also die dramaturgische Staffage flau, so ist doch Melusine selbst ein Geschöpf Iwan Golls, das mindestens einige Szenen zu tragen vermag. Sie betört die Männer, die im verkauften Park das Schloß bauen sollen, und gerät schließlich an den Grafen von Lusignan, an den Schloßherrn. Ihn muß sie lieben, vor ihm die Zaubermacht der Nymphe verlieren.

Iwan Goll hat Claires Park nicht retten können. Aber für die Begegnung der Liebenden schrieb er einige lyrische Duette, die Poesie sind. Um ihretwillen lohnt sich eine Aufführung. Sie müßte jedoch poetisches Theater sein. Der rumänisch-französische Komponist Marcel Mihalovici lieferte einige Stimmungsmittel. Er illustrierte die Handlung à la Debussy. Stellenweise wird das Märchenspiel so zum Melodram. Auf dem Höhepunkt der todessüchtigen Liebeslyrik zitiert Mihalovici Tristan-Klänge.

Das Theater hatte seine liebe Not mit dem – Stück. In Wiesbaden geht man eigentlich in die Oper. Im Kleinen Haus, wo die Goll-Uraufführung einen freundlichen Erfolg hatte, ist das Schauspiel unter Friedrich Schramms Intendanz so weit arriviert, daß man auch mal eine Premiere à fonds perdu riskieren kann. Ein Intendant, der ans "Ensemble" glaubt – mindestens drei Jahre dieselben Gesichter auf der Bühne –, macht eine schöne Geste: Wir spielen Theater außer für unser Publikum auch im Hinblick auf überzeitliche Werte. Als doctor juris und tüchtiger Organisator hat Schramm auf alle Fälle den internationalen Spielplan der Miifestspiele schon ein halbes Jahr vor dem Startschuß unter dem Werbedach. Golls "Melusine", die literarische Repräsentationspremiere, war dagegen kein Werbefaktor für Wiesbadens Theater. Zwar kein man als Melusine in Heidi von Strombeck eine begabte, apart unkonventionelle Schauspielerin. Auch Siegfried Wischnewski hielt sich als Graf trotz seines schmalen Textes eindrucksvoll. Aber im übrigen war das Beste an Rolf Müllers Inszenierung de bildhafte Abstraktion des Parks von Ruodi Barth. Das "Ensemble" erwies sich als inhomogen. In der zweiten Vorstellung, die wir sahen, genügte ein einziges Versprechen – Limusine statt Melusine –, um eine ernsthafte Szene durch die Schauspieler selbst "verlachen" zu lassen. Schlecht gespielt wurde die ohnedies flaue Rahmenhandlung. So blieb der Wiesbadener Zufall einer posthumen Goll-Premiere in jeder Hinsicht unverbindlich. Johannes Jacobi