Immer wieder gibt es Männer, die über den Sinn ihres Lebens nachdenken. Nicht die Lust an Abenteuer macht sie froh, sondern die Zuversicht, daß hinter allen Abenteuern eine längst bekannte Heimat im schöneren Gewande wohnt. Für die Dichter ist dieses Thema uralt. Und siehe, jetzt haben Gilgamesch, Odysseus, Faust und Peer Gynt einen kleinen Bruder bekommen, der nicht recht weiß, nach wem er geraten sein mag. Er heißt Peter Munro, ist Geschichtsprofessor und hauptberuflich eine wunderbare Romanfigur in dem Buch:

"Der Quell am Ende der Welt" von Neil M. Gunn (Nymphenburger Verlagshandlung, München, 16,– DM).

Der liebenswerte Held reist mit seiner Frau Fand in die schottischen Berge und macht den Urlaub zu einer Zäsur seines Lebens, indem er freundlichen Gewohnheiten davonwandert, um zu erforschen, ob es jenseits des zu Ende Gedachten nicht noch etwas Überraschendes gibt, das man nicht auf der Leiter des Verstandes erreichen kann Peter Munro schreitet rüstig durch Wälder in-, einfache Leben hinein. In der Höhle verwegener Schwarzbrenner genießt der Professor den Whisky, wie Kakuze nicht inniger seinen Tee genießen konnte. Menschen erscheinen, Menschen verschwinden, aber ihre Charaktere bleiben, Schäfer, Fischer, alte Bauern und junge Burschen fabulieren sich durch das Dickicht hochländischer Gespensterei. Manchmal wuchern allerdings die Reflexionen so wild, daß man in ihnen eine erstaunliche Art von Unkraut vermutet: "Jahrtausende war der einzige Gott eine Göttin ... Die Wilde Göttin ... Welch ein Wechsel von der Wilden Göttin zur Eva!... Von der Wilden Göttin zu Gott, sagte Cocklebuster... Vom Matriarchat zum Patriarchat... Der patriarchalische Jude ... Der Mann, der der Frau ihren richtigen Platz anwies... Oder sagen wir, verbesserte der Konfuzianer, als Verfechter der Exaktheit, der Mann, der dem Feigenblatt seinen richtigen Platz gab."

Gegen Schluß seiner Wanderung gerät der Professor noch in eine handfeste Rauferei, und auf dem Rückweg tötet er in sich den "Ziegenbock", Symbol einer meckernden Vermiesung des Lebens durch das Totalitäre und merkwürdig, zugleich Sinnbild des entfesselten, durch Liebe zu bezwingenden Urweiblichen. Was lag näher, als anschließend eine der scheinbar sinnlosen, immer wieder großartigen Mannestaten: Peter Munro will ein gefährdetes Lamm von einem Felsplateau retten, stürzt sich fast zuschanden, ringt ein paar Tage lang mit den Vorboten eines langsamen Sterbens und wird zur rechten Zeit von seiner Frau gefunden.

Quintessenz: der Urquell liegt nicht am Ende der Welt, sondern überall in ihrer Mitte. Jedes Buch ist gut, das ihn finden hilft. i. j.