Der Präsident der italienischen Republik, Gronchi, ist in Amerika eingetroffen, um dort – "von Präsident zu Präsident" – über die Zulassung Rotchinas zu den Vereinten Nationen zu reden. So jedenfalls will es der Korrespondent des angesehenen Christian Science Monitor von Gronchi selber gehört haben. Er wußte außerdem Zu berichten, Gronchi trete für jene im Mittelmeerraum nun schon zum politischen Schlagwort gewordene apertura a sinistra ein, jene "Öffnung nach links", die den Einschluß der Nenni-Sozialisten in die Regierungskoalition der Christlichen Demokraten bedeuten würde. Beide Meldungen fügen sich so zwanglos in das politische Mosaik, daß ein offizielles Dementi nicht recht überzeugen konnte.

Sie passen zu den wiederholten Besuchen Nennis bei dem ihm eng befreundeten Staatspräsidenten. Sie passen auch zu der rührigen Aktivität, die der Sowjetbotschafter in Rom entfaltet. Botschafter Bogomolow sprach bei Gronchi vor sowie bei Segni und Martino; und es käme nicht überraschend, wenn demnächst die eigentlich schon lange erwartete Einladung zu einer Moskaureise an Ministerpräsident Segni und Außenminister Martino erginge.

Schlüsselfigur im italienischen Spiel ist dadurch wieder einmal der Mann, dessen "große Stunde" schon ebensooft vorausgesagt worden ist wie sein Abtreten von der politischen Bühne: Pietro Nenni, vor 65 Jahren als Sohn eines Landarbeiters im keramik-berühmten Faenza geboren, schien dazu bestimmt, eine der großen und einflußreichen Figuren des europäischen Sozialismus zu werden. Als Autodidakt lernte er reden und schreiben – mitreißend reden, brillant schreiben.

Nach dem ersten Weltkrieg finden wir ihn zunächst als Pariser Korrespondenten, dann als Chefredakteur der führenden sozialistischen Zeitung Italiens, des auch heute wieder von ihm dirigierten Avanti. Damals aber hatte sein Vorgänger als Chefredakteur des Avanti, einst auch sein Vertrauter und Freund – Benito Mussolini – gerade den Marsch auf Pom angetreten und die alten sozialistischen Ideale abgetan. Der Avanti wird verboten. Schwarzhemden stürmen die Redaktion. 1926 emigriert Nenni mit seiner Familie nach Paris.

Kurz vor Hitlers Machtergreifung besucht er Deutschland, spricht in Hamburg, spricht zu den Arbeitern im Berliner Sportpalast: "Denkt an Italien. Laßt euch von den Nazis nicht verführen. Ihr Sozialismus ist nur eine Maske."

In Frankreich erlebte Nenni 1934 die Kämpfe zwischen Faschisten und Kommunisten auf dem Place de la Concorde, die Resignation der Regierung Daladiers, das Chaos der folgenden Monate und – als anscheinend einzig möglichen Aus weg – 1936 die Bildung der Volksfrontregierung unter Leon Blum, jener ersten regierenden Vereinigung von Sozialisten und Kommunisten also, die heute das Muster abgibt für die jüngsten Empfehlungen Chruschtschows an die Sozialisten des Westens. Nennis politische Anschauungen wurden durch diese Erlebnisse in Frankreich und, in gleicher Richtung, durch seine Teilnahme am spanischen Bürgerkrieg in einer kommunistischen Freiwilligenlegion entscheidend beeinflußt.

Das italienische Abenteuer unter Mussolini nahm den Verlauf, den Nenni vorausgesehen Und oft vorausgesagt hatte. Als Gefangener der Vichy-Regierung wurde er 1942 an Italien ausgeliefert; 1943 wurde er von den Amerikanern befreit.