Wenn Bruce Marshall, der zweimal konvertierte Schotte – einmal zur katholischen Kirche, das zweite Mal zum Humor – autobiographische Notizen schreibt, so ist von vornherein anzunehmen, daß er dabei die Aufmerksamkeit des Lesers weniger auf sich, als auf andere Lebewesen lenken wird. Und von einem Katzenbuch, das er schreibt, würde man mit Recht vermuten, daß es ebensosehr von Menschen handelt wie von Katzen. Wer Marshalls Romane kennt und liebt, wird sich also nicht wundern, jetzt ein sozusagen autobiographisches Katzenbuch von ihm auf dem Tisch zu finden:

Bruce Marshall, "Kätzchen und Katzen". Deutsch von Hans Herlin. Im Verlag Jacob Hegner, Köln und Olten, 120 Seiten, 6,80 DM.

Wenig Zoologie, nichts von Tierfabel, keine stilisierte Naturmetaphysik, auch nicht die für die meisten Katzenbücher so unerläßliche Behauptung, Katzen seien die besseren Menschen (statt dieses Gemeinplatzes höchstens die echt Marshallsche Anmerkung: "Wenn denn unbedingt Vivisektion sein muß, sollte man die Schnulzensänger aufschneiden, und nicht die Katzen") – um alles dies geht es nicht, sondern um die ganz einfache Frage: wie verträgt sich die These, wir hätten eine christliche Kultur, mit dem Schicksal, das Katzen, unzählige Katzen von Christenhand zu erdulden haben?

"In all den sechsunddreißig Jahren, seitdem ich. ein Katholik bin", sagt Bruce Marshall, "habe ich nie auch nur einen einzigen Satz wider die Grausamkeit gegen Tiere von der Kanzel gehört. Warum eigentlich nicht? Wird denn der Fallensteller und jener, der der Katze mit der Schrotflinte nachstellt, am Tage des Jüngsten Gerichts nicht die geringere Chance haben, vor Seinen Augen zu bestehen, als jener sprichwörtliche Lüstling, dem man nachsagt, jedes Hinterteil, das aus einem Bikini hervorluge, bringe seine Begierden zum Sieden?"

Gut sein zu Katzen, erfordert nicht die Kraft eines Heiligen. Aber es kann eine Übung zu höheren Tugenden sein und die Frucht der im christlichen Abendland keineswegs allgemein verbreiteten Erkenntnis, daß die Leiden jeder Kreatur "mitzählen". cele.