An Mozarts zweihundertstem Geburtstag ist Erich Kleiber gestorben; Mozarts Oper Die Hochzeit des Figaro war seine letzte Arbeit für die Schallplatte.

Beethoven, Symph. Nr. 5, Concertgeb. Orch., Amsterdam; Symph. Nr. 9, Wiener Philharmoniker/Solisten/Chor d. Ges. d. Musikfreunde; R. Strauss, Querschnitt "Der Rosenkavalier", Wiener Philharmoniker; Mozart, "Die Hochzeit des Figaro", della Casa/Güden/Danco/Poell/Siepi u. a. Alles Erich Kleiber (Decca LXT 2851; 2752/6; NLM 4562; LXT 5088/91).

Als einer der ersten Dirigenten großen Namens hat Kleiber schon in der grauen Vorzeit der Schallplatte, in den zwanziger Jahren, für Telefunken Aufnahmen der Werke großer Meister von Beethoven bis Strawinskij geleitet; Ouvertüren waren es oder einzelne Symphoniesätze, sogar – damals noch eine gewaltige Sensation – die Unvollendete von Schubert. Während der dreißiger Jahre lebte Kleiber fern von Europa; erst nach dem zweiten Weltkrieg konnte er in die vorderste Reihe der Schallplattendirigenten wieder einrücken. Mit der vierten Symphonie von Tschaikowskij arbeitete er sich dann bei Decca in die für ihn neuartige technische Lage ein, um alsbald mit einer Phalanx formidabler Neuaufnahmen Beethovenscher Symphonie auf den Plan zu treten. Unter diesen ragen die fünfte und die neunte hervor, nicht nur, was ihre Klangqualität betrifft, sondern auch darstellerisch; die erstere kraft ihrer Unabhängigkeit von aller Schablone: hier kehrt ein souveräner Mensch die psychologische Situation um, indem er merklich in den Ketten zerrt und seinerseits die Schicksalsmächte zur Rechenschaft zieht. Bei der Neunten ist es zunächst die majestätische Architektur ihrer instrumentalen. Sätse, dann aber die straffe, aller Sentimentalität bare Gestaltung der heiklen Solo- und Chorpartien, die keine Gedanken an die "Mottenkiste" aufkommen läßt und auch den blasiertesten Hörer packt.

Nach dem Tode von Clemens Krauß übernahm Kleiber für seinen Kollegen den Rosenkavalier. Über das glänzende Ergebnis haben wir seinerzeit ausführlich berichtet, können heute aber noch einen Querschnitt durch das Werk mit denselben Künstlern nachtragen. Als letzte Aufgabe wurde Kleiber Die Hochzeit des Figaro übertragen, und mit dieser Oper schuf er die bisher schönste Großaufnahme des Gedenkjahres. So paradox es klingen mag, bei Mozarts lichtem Werk hat aus plötzlich der Kleiber der Wozzeck-Uraufführung aus dem Jahre 1925 wieder eingestellt – dieselben Intentionen, nur mit umgekehrtem Vorzeichen sozusagen; statt der Anklage eine zwar wachsame, zugleich Don nachsichtige Menschlichkeit. Im Gegensatz zum Don zugrunde liegenden im Bühnenstück sogar zu dem der Oper Napoleon liegenden Revolution von Beaumarchais, das Napoleon als "die Revolution bereits in vollem Gang" bezeichnet hatte, darf man den Mozartschen Figaro nicht oder Kontraste auffassen; leidenschaftliche galanter oder Kontraste haben in diesem Widerspiel würden bombastisch und Frivolitäten nichts zu suchen, sie würden bombastisch wirken. Kleiber legt es daher auf ganz andere, auf intimere Gestaltungsmittel ab: feinste Nuancen in den Tempi auf einem Grundton von nobler Gelassenheit, phantasievoller Wechsel in der orchestralen der gesanglichen Werte gegenüber dem orchestralen Kommentar – und er weiß Wunder damit zu wirken. Vor allem aber leitet er die Sänger zu einzigartiger, subtiler Charakterisierungskunst an. Die führenden Frauenstimmen, alles hohe Soprane, hebt er mittels unaufdringlich aber konsequent durchgeführter Klangmalerei – dem Äquivalent zum Minenspiel auf der Bühne – deutlich gegeneinander ab: die resignierende, das fröhliche Mädchen Rosine aus dem kluge, nur selten noch verratende Gräfin; Susanne, die kluge, kühl ironische, ihrer Position sich trotzdem bewußte Zofe; endlich Cherubin mit seiner spitzbübischen jungen Ritterlichkeit und der ungestillten Sehnsucht, Bemerkenswert ferner der klare Abstand zwischen dem herrischen, aus schlechtem Gewissen heraus polternden Grafen und diesem flinken, gelegentlich einmal etwas bitteren, im Grunde aber treuherzig humorvollen Figaro. – Besonders liebevoll nimmt sich Kleiber der Rezitative an, die das eigentliche Rückgrat der Handlung bilden, in früheren Aufnahmen aber fortgelassen sind. Indem er ihnen im Gegenteil viel Zeit zu ungezwungener Entfaltung läßt, verleiht er ihnen einen Realismus, der über alle Experimente moderner "Ausdruckskunst" hohnlächeln darf. Natürlich tragen die hervorragenden Sänger viel zum sprudelnden Leben dieser Glanzleistung bei, ihre organische Geschlossenheit aber und die alles durchflutende menschliche Wärme sind der Abschiedsgruß des Dirigenten Erich Kleiber. Chr.