Die Modevorführerinnen mußten sich auf dem engen Raum zwischen den Stuhlreihen hindurchdrängen, sie mußten zu schnell gehen, um die Gäste mit der Kollektion von 175 Modellen nicht allzu lange aufzuhalten und den Modespionen nicht zuviel Gelegenheit zum Abgucken zu geben. Das zerstörte die Schönheit ihrer Bewegungen. Sie folgten sich allzu rasch auf den Fersen und rempelten sich sogar in den schmalen Türdurchgängen an. Das zerstörte die Harmonie. Sie trugen im Gesicht allzuviel Gleichgültigkeit zur Schau, die entweder Arroganz oder durch die Strapazen tagelangen Kleidervorzeigens erzeugte Müdigkeit ausdrückte. Das verletzte ihre gute Haltung. Aber für sie – und die Kundinnen, die an diesem Tag, als ich den Vorführungen zusah, unbequem und beengt auf den kleinen aufgestellten Stühlen saßen – hatte Dior den sicheren Geschmack und den Sinn für Maß gehabt, der wahre Eleganz ausmacht: Klarheit, Einfachheit und Anmut.

Dior bestimmt, seit er im Jahre 1947 den New Look "kreierte", immer noch den Wandel der Mode unserer Zeit, begleitet, in mehr oder weniger großem Abstand, von einem Dutzend begabter Kollegen. Als der unbestrittene Meister der Pariser Haute Couture im vorigen Jahr in den Cours de Civilisation Française in der Sorbonne ein Gespräch führte, wurde das Wort La Bruyeres zitiert: "Mode entleiht Wert und Schönheit nur einer leichten Laune, die fast im gleichen Augenblick entsteht und zunichte wird. Heute ist sie gesucht und die Frauen bemächtigen sich ihrer; morgen ist sie vernachlässigt und der Gewöhnlichkeit preisgegeben." Dior sagte dazu: Durch die dauernde Nachahmung, die ja. heute mehr denn je so charakteristisch für die Mode ist – und nicht nur für sie –, ist das Alte schon nach einer Saison so banal geworden, so allgemein übernommen und verbreitet, daß es Langeweile hervorruft. Die Langeweile ist es, die jeweils eine Mode entthront und die immer wieder das Bedürfnis nach Neuem anreizt. Die Möglichkeiten aber, die ein Couturier hat, sind nicht groß. Alle Moderichtungen heben nacheinander und abwechselnd gewisse Partien des Körpers hervor und verlagern und erneuern auf diese Weise auch die Aufmerksamkeit – die Attraktion. Es ist merkwürdig zu sehen, wie sich das, was als charmant empfunden wird, mit jeder Generation verschiebt.

Nach den Ausschweifungen der Nachkriegsmode – die, wie immer nach harten Zeiten der Entbehrungen, die Sehnsucht nach dem Weiblichen durch Betonung der weiblichen Formen ausdrückte, hat Dior im Herbst 1954 durch seine haricot – Bohnenstangen – H-Linie schockiert, die die Frauen wieder mehr verhüllte. Er hat seitdem diese Richtung weiter verfolgt: das Porträt der modernen Frau so zu formen, daß es jung, aber nicht "knabenhaft" wie in der Zeit zwischen 1920 und 1930 wirkt, nicht erotisch aufdringlich und vulgär, sondern zurückhaltend, ein wenig kühl und sehr zart.

Das moderne Frauenbild ist von fast zerbrechlicher Schönheit; und die damenhafte Eleganz, die diese Kleidung in Haltung und

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Hochtaillierter Directoire-Stil

Paris, Ende Februar