Die Pariser Haute Couture hat dieses Mal einmütig, vielleicht weil es auf der Linie der Entwicklung lag, auf den neoklassischen Stil der Directoire-, Empire- und Prinzeßmoden zurückgegriffen, ähnlich wie die "marchande de mode" am Ende des 18. Jahrhunderts und die Vorläufer der "Grande Couture" hellenistische Tendenzen als "Neues vom Tage" umgemodelt haben. Bleistiftenge Etuikleider bestimmen das Bild des Tages. Vorbei ist es mit Kasak und Tunika und der Verlegung der Taille nach unten. Die engen Kleider und Röcke sind ohne Gehfalten, aber dafür kurz.

Um dem Kind einen Namen zu geben, hat man der Dior-Kollektion die Bezeichnung ligne fliehe (Pfeillinie) mitgegeben. Sie sind charakterisiert durch den Ärmeleinsatz. Ausschlaggebend für den Gesamteindruck aber ist vor allem die Unterteilung der Figur unmittelbar unter der Büste. Auf dieser Ebene treffen sich Directoire- und Empire-Tendenzen: Blickfang bleibt stets die hohe Taille.

Bei Christian Dior hat das Kamisol der vorigen Saison ein Brüderchen bekommen: es heißt Caraco und ist eine Kreuzung von Bolero und Spenzer.

In diesem Jahr hat sich zu Beginn der Vorführungen in die Pariser Atmosphäre angenehmer Erwartung wegen eines schweren Spionagefalls ein Mißton eingeschlichen. Die Affaire Frederic Milton, die in angelsächsischen Blättern der "größte Mode-Skandal" genannt wurde, warf ihre Schatten. Durch die verfrühte Veröffentlichung von genauen Zeichnungen waren in der letzten Saison in den Häusern der Pariser Couturiers abgeschlossene Kaufverträge rückgängig gemacht worden. Ein gerichtliches Verfahren ist von Dior, Fath, Lanvin und Patou beim New Yorker Supreme Court wegen Geschäftsschädigung gegen eine Clique von Modespionen eingeleitet worden. Wie immer auch das Urteil ausfallen mag, die Kernfrage bleibt ungelöst: Wie können sich Modegestalter wirksam gegen internationalen Ideendiebstahl schützen?

Von dem "Syndicat de la Haute Couture Parisienne" wurde unnachgiebiger als in den Vorjahren allen Zeitungen des In- und Auslandes zur Auflage gemacht, den für die Reproduktion von Modephotos angegebenen Stichtag, den 29. Februar, strikt einzuhalten. Eine englische und eine deutsche Zeitschrift, die sich nicht danach richteten, haben eine gerichtliches Nachspiel zu erwarten. Balenciaga und Givenchy, zwei der namhaftesten Pioniere der Mode, verlegten sogar ihre Vorführungstermine auf einen Tag vor den Erscheinungstermin der Bilder, um ihr Geheimnis bis zuletzt zu hüten.

Aber mit Hilfe der Einkäufer aus Europa und Übersee, die Anfang Februar 1956 zum erstenmal den Vortritt vor den Journalisten hatten, gelangten auch in diesen beiden Fällen die News nach draußen. Die Konfektionäre erwarben sich mit einer hohen Kaution (6000 DM im Falle Balenciaga) neben dem Zutritt auch das Recht, sich zumindest auch über das Gesehene zu unterhalten.

Nach ihrem nach der ersten Vorführung gefüllten Urteil übertreffen Givenchys Frühjahrs- und Sommermodelle die der Wintersaison an Anmut, Tragbarkeit und daher Verkäuflichkeit bei weitem. Er bleibt der überschmalen, zerbrechlichen Silhouette treu, ohne jedoch – wie das letzte Mal – die Gestalt zu ignorieren. Givenchys Glanzstücke, seine jugendlichen Jackenkleider, erhalten eine kleine Zugabe: lose, flatternde Bahnen – ohne die es, nach der Mehrzahl der Couturiers zu urteilen, in diesem Sommer nicht gehen wird.