Moderne Kautschuksynthese-Anlage bei Hüls

Seit Jahren ist über die Notwendigkeit des Baues einer deutschen Kautschuk-Synthese-Anlage lebhaft diskutiert worden. Dabei sind nicht nur wettbewerbliche Gesichtspunkte ins Feld geführt worden, sondern auch versorgungspolitische. Die gravierenden Preissteigerungen für Naturkautschuk an den Weltwarenmärkten haben dazu beigetragen, mit aller Energie für die Errichtung eines deutschen Kunstkautschukwerkes zu plädieren. Überdies haben die amerikanischen Kunstkautschukhersteller, von denen die deutsche Kautschuk verarbeitende Industrie Synthese-Kautschuk bezieht, ihre Exportpreise erhöht, während die Inlandpreise unverändert blieben. Diese differenzierte Preispolitik hat zu einer abermaligen Verschlechterung der deutschen Wettbewerbsposition geführt.

Vor kurzem ist nun endgültig beschlossen worden, mit dem Bau einer Kautschuk-Synthese-Anlage zu beginnen. Dieses Werk wird vorerst eine Jahreskapazität von 45 000 t haben. Voraussichtlich Anfang 1958 kann dieses jüngste Unternehmen der deutschen Großchemie mit der Erzeugung beginnen. Die Investitionen sind auf 120 Mill. DM veranschlagt, wobei noch 20 Mill. Betriebsmittel erforderlich sind. Die Chemischen Werke Hüls, die diese Anlage bauen, sind mit einem Anteil von 50 v. H. beteiligt; auf die Badische Anilin- & Soda-Fabriken AG., die Farbenfabriken Bayer AG. und die Farbwerke Hoechst AG. entfallen je 16,66 v. H. Nach Angaben der Chemischen Werke Hüls wird der Aufbau der sogenannten Freiluftanlage die modernste chemische Fabrik in der Bundesrepublik mit automatischer Kontrolle und Steuerung der chemischen Vorgänge werden. So wird mit 400 Mann Belegschaft auszukommen sein.

Man rechnet, daß im verflossenen Jahr der Kautschukverbrauch in Westdeutschland gut 170 000 t betragen hat, rund 85 v. H. Naturkautschuk und 15 v. H. Kunstkautschuk. Bei der auf 45 000 t veranschlagten Jahreskapazität des Synthesewerkes dürfte der Ausstoß an synthetischem Gummi, die volle Ausnutzung der Kapazität vorausgesetzt, im Jahre 1958 noch nicht einmal ein Viertel des gesamten Kautschukverbrauchs in der Bundesrepublik decken. Das ist zweifellos noch ein recht bescheidener Prozentsatz, wenn man berücksichtigt, daß die Amerikaner in absehbarer Zeit 70 v. H. Synthesekautschuk herzustellen gedenken.

Wie beurteilt nun die deutsche Kautschukindustrie die künftige Entwicklung? Ihre Erwartungen sind als durchaus optimistisch zu charakterisieren. Abgesehen von den allgemeinen Konjunkturerwartungen wird das damit begründet, daß die Bundesrepublik (im Vergleich zu anderen großen Industrieländern) mit der Motorisierungsdichte noch beträchtlich nachhinkt. Der steigende Lebensstandard wird sich gerade auch in der Automobilindustrie bemerkbar machen. Da etwa zwei Drittel des Absatzes der Kautschukindustrie in die verschiedensten Zweige des Verkehrsbereiches wandern – nicht nur Reifen, sondern auch die verschiedenen technischen Gummiwaren (Schaumgummi!) –, so dürften die konjunkturellen Ausstrahlungen der Automobilindustrie auch einen günstigen Einfluß auf die Entwicklung der Kautschukindustrie haben.

Nach Schätzungen namhafter Fachleute wird die Kautschukverarbeitung in der Welt bis 1960 um mindestens 20 v. H. steigen. Diese Prognose ist vorsichtig, denn sie setzt ein jährliches Wachstum der Kautschukverarbeitung um nur 4 v. H. voraus. Im verflossenen Jahr betrug die Zunahme 15 v. H. So wird der Kautschukverbrauch für 1955 auf rund 2,9 Mill. t veranschlagt, wovon über 1 Mill. t auf Kunstkautschuk entfallen. Die zunehmende Nachfrage nach Kautschuk hat zu dem Boom auf dem Naturkautschukmarkt geführt, mit Preisspitzen bis zu 4,80 DM je kg für die gängige Type RSS I, Terminware cif europäische Häfen, während die Amerikaner ihren Synthesekautschuk für 2,14 DM je kg erhalten. Angesichts der Hausse in Naturkautschuk – Anfang 1955 noch 2,95 DM, gegen Ende 1955 pendelte sich der Preis nach starken Ausschlägen auf 4 DM je kg ein – haben die USA beschlossen, ihre kürzlich privatisierten Kautschuksynthese-Anlagen erheblich auszubauen. Bis 1960 wird die Kapazität um ein Drittel auf mindestens 1,5 Mill. t erhöht werden. In diesem Jahr werden die USA rund zwei Drittel ihres Kautschukverbrauches aus der eigenen Syntheseerzeugung decken, gegenüber (1955) 60 v. H. Da die Naturkautschukerzeugung sich in den nächsten fünf Jahren wahrscheinlich nur um wenige Prozent erhöhen wird, ist es unerläßlich, die Syntheseproduktion auf weltweiter Ebene auszubauen. Selbst England, das ja über große Kautschukpflanzungen verfügt, hat sich entschlossen, eine Syntheseanlage mit einer Kapazität von 66 000 t aufzubauen; neuerdings glaubt man sogar, 1965 die Kunstkautschukkapazität in England auf 150 000 t steigern zu können.

Der Naturkautschuk hat gewiß eine Zukunft – wenn es nämlich gelingt, die Preise in ein bestimmtes Verhältnis zu dem Kunstkautschuk zu bringen. Das setzt eine "Wiederaufforstung" der Plantagen durch hoch ertragreiche Bäume voraus. Sonst werden die Kautschukpflanzer sicher von dem Kunstkautschuk überrundet werden. Auf der vor einiger Zeit abgehaltenen Weltkautschukkonferenz in Monrovia (Westafrika) kam zum Ausdruck, daß die kleinen Pflanzer glücklich wären, wenn sie 40 v. H. des gegenwärtigen Weltmarktpreises erhielten. Wenn sich das Interesse immer stärker dem Synthesekautschuk zuwendet, so trifft in erster Linie die Schuld die Spekulation. Es sollte möglich sein, die Erzeugererlöse auf Kosten der Spekulationsgewinne zu verbessern und den Pflanzern zu ermöglichen, den Anbau zu intensivieren. Vielleicht sorgt die Syntheseproduktion dafür, daß dem Naturkautschukerzeuger künftig ein gerechterer Anteil von den Weltmarktpreisen zufließt...

Die Amerikaner haben in Liberia bewiesen, daß die Rentabilität der Naturkautschukpreise von der Kostenseite her gefunden werden kann. Gegenüber den wichtigsten südostasiatischen Erzeugungsgebieten ist es den Amerikanern in Liberia gelungen, die Durchschnittserzeugung je acre um 70 v. H. auf über 1000 lbs zu erhöhen. Hier ist der erste Versuch unternommen worden, die Naturkautschukerzeugung gleichsam zu industrialisieren.

Moderne Kautschuksynthese-Anlage bei Hüls

Da der weiße Mann im südostasiatischen Raum auf die Dauer keine Chancen mehr hat – schon heute ist es nicht mehr möglich, einen Betrieb ohne einen farbigen Teilhaber zu gründen –, ist wenig Interesse vorhanden, einen Teil der großen Gewinne für die "Wiederaufforstung" der Plantagen zu verwenden. Man zieht es vor, die Erträge in lukrativere Objekte zu investieren, die außerhalb Südostasiens liegen. Schon in der Zeit des Koreakonfliktes hat man zuviel Geld aus den Hauptanbaugebieten für Kautschuk herausgezogen. Da der Kautschukbaum in der Regel sieben Jahre braucht, ehe er zapfreif ist, ist es nicht verwunderlich, wenn die Naturkautschukerzeugung in den nächsten Jahren kaum ansteigt. Es hat den Anschein, als ob sich die nationalen Regierungen in Südostasien künftig mehr um die "Wiederaufforstung" der Plantagen bemühen, weil sie eingesehen haben, daß ihre wichtigsten Einnahmen schwinden. Indonesien wiederum, als größter Naturkautschukerzeuger der Welt, ist bemüht, von dieser Monokultur abukommen. Das Land konzentriert sich auch auf die Entwicklung anderer Kulturen. Immerhin entfällt die Hälfte der indonesischen Staatseinnahmen auf Kautschuk.

Wenn heute viele europäische Länder, wie England, Frankreich und Italien, sich entschlossen haben, eigene Syntheseanlagen aufzubauen, so spielt die Versorgungsfrage eine entscheidende Rolle. Man weiß, daß die Sowjetunion am südostasiatischen Raum stark interessiert ist. Die weltpolitischen Strömungen können leicht dazu führen, daß die Sowjetunion ihren Einfluß in immer stärkerem Maße geltend macht, so daß eines Tages durchaus die Möglichkeit gegeben ist, die Kautschukzufuhr nach Europa (oder Amerika) zu erschweren. Schon im vergangenen Jahr hat sich gezeigt, welche Preissprünge durch das plötzliche Auftauchen der Russen und Chinesen am Markt herbeigeführt wurden, obwohl es sich um verhältnismäßig kleine Posten handelte. Diese preispolitische Erwägung ist auch insofern fundiert, als die Sowjetunion und verschiedene Länder hinter dem Eisernen Vorhang ihre Motorisierung stärker auszubauen beabsichtigen.

Es ist erfreulich, daß die Bundesrepublik nunmehr in das Konzert der Synthesekautschuk erzeugenden Länder einbezogen wird. Immerhin ist ja Deutschland das Ursprungsland der Bunaerzeugung. Man weiß, daß in der Ostzone, und zwar in Schkopau, im vergangenen Jahr rund 80 000 t Synthesekautschuk hergestellt worden sind. Das dort angewendete Produktionsverfahren dürfte sich allerdings bei normalen Marktverhältnissen als unwirtschaftlich erweisen. Hingegen wird bei dem Aufbau des Synthesewerkes der Chemischen Werke Hüls das modernste Verfahren angewendet, das Wettbewerbspreise ermöglicht. Horst Heffele