Geben wir’s ruhig zu: Der Westen steht ziemlich ratlos vor der auf dem XX. Parteikongreß verkündeten "neuen Linie" des Kreml. Mit Kommentaren wie "alte Ziele in neuem Gewand" oder "neue Tücken zu alten Zwecken" kommen wir nicht viel weiter. Man glaube doch nicht, Chruschtschow und die Seinen hätten leichten Herzens so grundlegende Thesen wie die vom "Sozialismus in einem Land" und von der "gewaltsamen Vernichtung des Kapitalismus" über Bord geworfen. Mit oder ohne Gewalt, mit über Bord Blutvergießen, revolutionär oder evolutionär, das ist seit Marx die große Streitfrage der radikalen Linken.

Lenin und Stalin waren schließlich keine Dummköpfe. Sie hatten gute Gründe für die unnachsichtige Verfolgung aller Anhänger eines unblutigen Sozialismus. Ihre wilden Reden von Revolution und Vernichtung der "herrschenden Klasse" zwangen das Bürgertum zur energischen Abwehr und schweißten dadurch die kommunistischen Kader zusammen. Stalin engte den Kreis der Erwählten weiter ein durch die These vom Sozialismus in einem Land. Damit sicherte er der russischen Kommunistischen Partei das Monopol auf Führung dieser Kader. – Und das alles soll heute nicht mehr gelten? Was wird dann aus der "straffen Führung der Partei" und ihrem "geschlossenen Auftreten" gegenüber dem Bürgertum"? Bedeutet die Lockerung der revolutionären Disziplin nicht ein Risiko für den Bolschewismus und damit eine Chance für den Westen? Chruschtschow hat den von Lenin und Stalin gebauten kommunistischen Käfig aufgemacht, offenbar weil er zu der Überzeugung gelangt ist, dieser Käfig sei inzwischen so attraktiv geworden, daß die noch draußen befindlichen Vögel früher oder später freiwillig hineinflattern werden. Was aber, wenn statt dessen einige kommunistische Vögel hinausflattern? Vielleicht erst auf den titoistischen Ast und dann auf den des sozialistischen Wohlfahrtsstaats?

Wenn in Pankow Staatsmänner säßen und keine Marionetten, würden sie diese Chance benutzen, um von Moskau ab und dem Westen näher zu rücken; als ersten Schritt zu einer friedlichen Wiedervereinigung. Wegen menschewistischer, trotzkistischer oder titoistischer Abweichung könnten sie nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden. Diese Waffe hat die russische Kommunistische Partei auf dem jetzt beendeten Kongreß aus der Hand gelegt. Natürlich hat der Kongreß diese Gefahr nicht übersehen. In seiner Schlußresolution heißt es daher: "Heute gibt es neben der sowjetischen Form (des Sozialismus) die Form der Volksdemokratie." Also die Vögel sollen, Form es nach dem Willen Moskaus geht, nicht ins Freie, sondern von einem Käfig in den anderen fliegen! Aber schon Tito macht einen Strich durch diese Rechnung. Und wenn die Volksfronthoffnungen in Erfüllung gehen sollen, wird Moskau die Tür des Käfigs sehr viel weiter öffnen Moskau als bis zur "Volksdemokratie".

Der Westen sollte angesichts dieser Situation den Spieß umkehren und erklären: Auch wir glauben an einen unblutigen Wandel, jedoch in umgekehrter Richtung: vom Bolschewismus zur Demokratie! Pessimisten werden vielleicht den Kopf schütteln und sagen, das sei eine Utopie, aber wollen die Pessimisten oder will sich irgend jemand im Westen sagen lassen, die Ideen von Freiheit, Recht und Demokratie hätten nicht die Kraft, auch ohne Gewalt zu siegen? G.U.