Als zweiter Band in der Reihe von "Leskes Betriebsfibeln" ist, von L. Diener verfaßt, eine "Fibel für den Umgang mit Vorgesetzten, Kollegen und Mitarbeitern im Betrieb" erschienen, aus der wir nachstehend einen kleineren Abschnitt "zur Probe" veröffentlichen. – In einer der kürzlich erschienenen ersten Besprechungen der Broschüre war bemängelt worden, daß sie "eigentlich doch nur Selbstverständlichkeiten" enthielte. Das mag (vielleicht) zutreffen, ist aber gewiß kein Einwand gegen ein Buch, das ausdrücklich als "Fibel" bezeichnet wird... Gewiß: "gutes Benehmen" sollte eigentlich stets eine Selbstverständlichkeit sein (und nicht "Glückssache", wie die Berliner Redensart besagt); trotzdem ist es immer wieder gut, wenn Selbstverständliches in leicht lesbarer und in aufgelockerter Schreibweise dargestellt wird – und es besteht ja auch eine große Nachfrage nach solchen Kompendien der "guten Form", wie jeder Buchhändler bestätigen wird ... Also war es kein schlechter Gedanke des Verlags, seine auf 30 Bände zugeschnittene Reihe von "Leskes Betriebsfibeln" (je 3,80 DM) mit dem Thema "Zwischenmenschliche Beziehungen im Betrieb" einzuleiten – in Gemeinschaftsarbeit übrigens mit der "Volkswirtschaftlichen Gesellschaft". Und hier nun also die Leseprobe aus dem Werkchen von L. Diener:

Kommt ein Kunde, Betriebsfremder oder Vorgesetzter in Begleitung seiner Frau, tituliert man sie "Gnädige Frau", auch wenn sie bisweilen recht ungnädig sein mag. Akademische Titel und Amtstitel kommen der Ehefrau nur zu, wenn sie sie selbst erworben hat. Der Titel des Mannes wird nicht auf die Frau übertragen.

Hat man dem Vorgesetzten, Herrn Winter, eine Mitteilung seiner Frau zu überbringen, sagt man: "Ihre Gattin bat mich, Ihnen auszurichten ..." Ob man von der Frau des Kollegen "Ihre Gattin" oder "Ihre Frau" sagt, muß dem eigenen Fingerspitzengefühl überlassen bleiben. Die eigene Frau ist selbstverständlich immer "Meine Frau"; als Gattin oder Frau Gemahlin werden nur die anderen sie bezeichnen.

Befinden Sie sich im Kreise Ihrer Kollegen, von denen Sie mit einigen zwar per Du stehen, andere aber siezen, so reden Sie in einer allgemeinen Anrede alle mit "Sie" an. "Haben Sie Lust, nach dem Dienst noch eine Tasse Kaffee zu trinken?" Daß alle gemeint sind, ergibt sich aus der Situation.

Für den Außenstehenden und Vorgesetzten sind Ihre Kollegen immer "Herr", "Frau" oder "Fräulein Sowieso". Eine Auskunft in der Form etwa "Müller ist zu Tisch" darf es nicht geben. Ebenso ungezogen klingt es, wenn Sie Ihrem Chef sagen: "Das bearbeitet die Schmidt. Die ist gerade zum Diktat!" Diese Auskunft zeugt von schlechter Erziehung. Man spricht nicht von einem Dritten als "der", "die", "sie" oder "er", sondern nennt den Namen mit der Anrede "Herr", "Frau" oder "Fräulein". Von den Kollegen im allgemeinen spricht man als den "Herren", von den Kolleginnen als den "Damen", und zwar gegenüber Dritten vorsichtshalber nur Gutes. Arbeiter und Arbeiterinnen erwähnen ihre Mitarbeiter im Gespräch als Kollegen. Die Bezeichnung "Dame" und "Herr" empfinden sie im Dienstgebrauch als unpassend.

In der Fabrik redet heutzutage der Meister den Arbeiter und die Arbeiterin mit "Herr" bzw. "Frau" an, nicht mit dem bloßen Namen. Es ist ein überholter Standesdünkel, wenn man in manchen Werken in der Anrede noch einen Unterschied zwischen Angestellten und Arbeitern macht. Wir leben nicht in einer Klassengesellschaft, sondern in einer klassenlosen Gesellschaft allgemein menschlicher Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit. Die Arbeiterschaft hat sich ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung erkämpft. Sie wird ihr von niemandem bestritten. Wirtschaftlich hat der Facharbeiter bekanntlich eine Stellung, die vielfach besser ist als viele andere Berufe. Der gesellschaftliche Angleichungsprozeß schreitet von Jahr zu Jahr weiter fort. In der Praxis gibt es noch manchen alten Zopf und überlebte Unterschiede, angefangen von der Ausstattung der Toiletten- und Waschräume bis zu der verschiedenartigen Einrichtung der Kantine. Doch schwinden in den modernen Werken diese Unterschiede immer mehr dahin. Für einen Kastendünkel der Angestellten gegenüber den Arbeitern ist in der modernen Industriegesellschaft kein Raum mehr.

Ein besonderes Kapitel bilden in den Büros die Spitznamen und Kosenamen. Mit ihnen wird ein Stück aus Schulzeit und Kindheit ins Berufsleben übernommen. Eines ziemt sich aber nicht für alle! Was bei einem Kind niedlich wirkt, kann beim Erwachsenen recht unpassend sein. Ein Fremder, der hören muß, wie man sich "Müllerin" oder "Schneiderlein" anredet, fühlt sich in eine Intimität einbezogen, die ihn peinlich berührt. Der Chef ist durch Kosenamen innerhalb seines Betriebes verletzt und folgert daraus einen Mangel an Respekt gegenüber seinem Betrieb und dem Ernst der Arbeit. Scherznamen verkindlichen und verkitscher das Berufsleben. Sie passen ganz einfach nicht zum Dienstbetrieb und einer ernsthaften Arbeitsauffassung. Wenn wir die Anwendung von Kosenamen schön finden, heben wir uns diese Bezeichnung bis nach Dienstschluß auf, wenn wir die Sphäre der Arbeit verlassen haben und unter uns sind. Das gili in vielen Büros auch für das Duzen.