Bis jetzt hatte man immer nur davon gehört, daß die Revolution ihre Kinder frißt. Auch Wolfgang Leonhard wird wohl davon gehört haben, und man darf annehmen, daß der Titel seines Buches mit einer bestimmten Absicht gewählt ist:

"Die Revolution entläßt ihre Kinder" von Wolfgang Leonhard, Kiepenheuer und Witsch, Köln, 558 Seiten, 18,50 DM.

Ganz offenkundig ist Leonhard nicht der Meinung, daß die Revolution ihre Kinder fresse. Ganz offenkundig wünscht er dem Klischee, das ihr solches nachsagt, zu opponieren. Leonhard, als zwölfjähriger Knabe mit seiner partei-aktivistischen Mutter in die Sowjetunion emigriert, unter sowjetischer Partei-Patronanz aufgewachsen, von sowjetisch dirigiertem Parteiauftrag mit der ersten Gruppe der Ulbricht-Funktionäre 1945 nach Deutschland entsandt, im sowjetisch dirigierten Parteikader der Ostzone ungefähr vier Jahre lang auf führendem Posten tätig und im März 1949 abgesprungen und ins Ausland geflohen – Wolfgang Leonhard legt in seinem Buch die denkbar lauterste und aufrichtigste Rechenschaft darüber, warum er das alles getan hat. Er ist, wofern uns das Erinnerungsvermögen nicht täuscht, der erste abgesprungene Kommunist, der kein Antikommunist wurde, ja man könnte beinahe sagen: der Kommunist geblieben ist, Auch hat er sich in keinerlei Christentum oder in sonst einen Religionsersatz für die Ersatzreligion gerettet. Und vollends ferne liegt ihm jene nihilistische Hoffnungslosigkeit, welche den Gott, der keiner war, durch völlige Entgötterung des Daseins aus ihrem Bewußtsein zu exorzieren versucht. Nein, nichts von alledem. Sondern Wolfgang Leonhard hat nur mit der stalinistischen Form des Kommunismus gebrochen und nicht mit dem Kommunismus selbst, nur mit der Parteidoktrin und nicht mit der Ideologie.

Und das ist es, was die Lektüre seines Buches so aufschlußreich und erschütternd macht, weit über die Fülle der Information, die Integrität der Aussage und sogar weit über die von Leonhard selbst verspürten und vermerkten Erschütterungen hinaus. Die sachliche, nahezu klinische Präzision, mit der er seine Erlebnisse vor sich und vor uns ausbreitet, ordnet und analysiert, die leidenschaftslose Akribie, mit der er uns nichts, aber auch gar nichts von dem erspart, was ihm nicht erspart geblieben ist, hat gerade in ihrer sterilisierten Selbstverständlichkeit etwas Erschreckendes an sich. Daß für den Arzt eine Operation nichts Außergewöhnliches ist, kann man sich zur Not noch vorstellen. Daß auch der Patient nichts weiter dabei findet, ist unheimlich. Und daß es Tausende und Hunderttausende gibt, denen genau das gleiche zugestoßen ist (und weiterhin zustößt) wie Leonhard, ohne daß sie auch nur auf den Gedanken kommen, sich einer Operation zu unterziehen – das ist das eigentlich deprimierende Fazit.

Wen diese Depression nicht anrührt, dem wird das Buch mutmaßlich desto reicheren Gewinn bringen. Und zweifellos ist man sogar besser dran, wenn man es ebenso unberührt liest, wie Leonhard es geschrieben hat, wenn man ebenso nüchtern wie er registriert, daß ihn beim Wiedersehen mit seiner Mutter, die in Rußland zwölf Jahre lang schuldlos eingekerkert war und die er zum Schluß, kurz vor dem Ausklang seines 550 Seiten starken Berichts und schon von tiefen Zweifeln am Stalinismus zernagt, in Berlin wiederfindet – daß ihn da nicht? anderes bewegt als der Vorsatz: "Unter keinen Umständen wollte ich mich durch das Schicksal meiner Mutter in meinen politischen Überzeugungen beeinflussen lassen." Lese das ohne Schaudern, wer kann. Und der es kann, wird diesem auf monströse Art respektgebietenden Buch noch eine große Menge anderer Belehrungen entnehmen können: über das Funktionieren des inneren Parteiapparats (des "Zwiebelkerns", um eine von Hannah Arendt geprägte Metapher zu gebrauchen), über Wesen und Wirken kommunistischer "Selbstkritik", über die vielfach verästelte und bis ins letzte Ästchen kontrollierte Organisationstechnik, vor allem jedoch über die fundamentale Unmöglichkeit, einem geschulten Kommunisten auf irgendeiner anderen Basis als wieder der kommunistischen auch nur das mindeste zu beweisen; also über die Unmöglichkeit einer Verständigung zwischen Kommunisten und Nichtkommunisten. Er wird, der’s ohne Schaudern lesen kann, wohl nur bei jenen handgreiflichen Greueln schaudern, zu deren Kenntnis es eines Berichts wie des Leonhardschen gar nicht erst bedurft hätte: bei den Stellen über die denunzierenden Kinder, über die seelische und physische Brutalisierung kommunistischer Emigranten im Vaterland der Revolution, über die Eiseskälte der gesichtslos gewordenen Funktionäre, über ihre hierarchische Gliederung und Korrumpierung.

Am Schluß des Buches hat es den Anschein, als wäre Leonhard zum Titoisten geworden. Aber der Schluß des Buches fällt in das Jahr 1950, und Leonhard, damals nach Jugoslawien geflohen, lebt seither längst in Westdeutschland. Vielleicht unterrichtet uns ein nächster Band über eine seither erfolgte Wandlung. Man möchte es hoffen. Und möchte vor allem hoffen, daß es wirklich eine Wandlung wäre. Dies hier ist die Geschichte einer Beharrung, und gewandelt hätte sich allenfalls das Ideal, nicht der Idealist.

Dennoch und gerade darum ist es ein überzeugendes und lehrreiches Buch, das seinem Autor viel Anerkennung von jener Art eintragen wird, um die es ihm nicht zu tun war; ein Buch, das von der ersten bis zur letzten Zeile echt ist und das seinen anfangs ein wenig fragwürdigen Titel immer unwidersprechlicher legitimiert. Die Revolution entläßt ihre Kinder. Aber sie entläßt sie grauenhaft verstümmelt. Friedrich Torberg