Die stetige Zunahme an Handwerksbetrieben in den zurückliegenden Jahren und ihr steigender Anteil am Bruttosozialprodukt, der für 1954 mit 7654 Mill. DM (= 6,8 v. H.) angegeben wird, darf nicht über die großen Schwierigkeiten bei der Erhaltung der Berufssubstanz hinwegtäuschen. Nachwuchsmangel und Abwanderung von Gehilfen und sogar Meistern sind in jüngster Zeit zu einem ernsten Problem geworden und werden sich voraussichtlich in den nächsten Jahren noch schwerer auswirken. Eine Reihe von Handwerkszweigen kann schon heute ihren Lehrlingsbedarf bei weitem nicht mehr decken. Die Zahlen der nicht besetzten, aber angebotenen Lehrstellen schwankt in den Spitzen zwischen 40 und 50 v. H. Die soziale Sicherheit, die durch große Industriebetriebe mehr und mehr gesteigert wird, ist für die in der Berufswahl stehende Jugend der wichtigste Anreiz. Die jungen Leute, die einen handwerklichen Modeberuf (Kraftfahrzeughandwerker und u. a. Elektromonteur) ergreifen möchten, aber infolge des starken Überangebots bis zu 350 v. H. keine Lehrstelle finden, wandern erfahrungsgemäß zur Industrie ab.

Es besteht kein Zweifel, daß die Sorge um den Nachwuchs allein auf den Schultern der einzelnen Berufe lastet und es ihnen überlassen bleibt, wie sie mit dem Problem fertig werden. Der Staat kann nichts oder nur ganz wenig dazu tun. Die behördlichen Beratungsstellen dürfen nach den demokratischen Spielregeln nur die Wünsche und persönlichen Anlagen der Jugendlichen abwägen und berücksichtigen, ohne dabei die Erfordernisse der Gesamtwirtschaft in entscheidendem Maße in Betracht zu ziehen. Darum sind die betroffenen Handwerksbetriebe in letzter Zeit verstärkt dazu übergegangen, eine systematische Nachwuchswerbung zu betreiben, und sie haben damit offensichtlich – wie aus den Lageberichten hervorgeht – schon gute Anfangserfolge erzielt. Die seit einigen Jahren bestehende Stiftung für Begabtenförderung im Handwerk, die unter der Schutzherrschaft des Bundespräsidenten steht, hat bereits an 700 begabte Junghandwerker ein Stipendium in der Gesamthöhe von 800 000 DM ausgeschüttet und soll noch weiter ausgebaut werden. J. K.