Die Zeiten, da England souverän die internationalen Fußballfelder beherrschte, gehören schon lange der Vergangenheit an. Auch die Tage, da Uruguay alles niederrang, sind längst vergangen. Die Leistungen haben sich mehr und mehr angeglichen. Vor jedem Länderspiel wird die Frage nach dem Sieger neu gestellt und erst im Wettkampf selbst endgültig entschieden. Eine bestimmte Voraussage zu treffen, vermag niemand mehr. Das zeigte uns am besten die letzte Weltmeisterschaft, die unsere Nationalelf 1954 in Bern gewann. Niemand, auch nicht die klügsten Experten, hatte ihr die Chance eingeräumt, auch nur über die Vorrundenspiele hinauszukommen.

Die Schweizer Wettbewerbe aber zeigten uns auch, was ein Trainer aus einem Stamm guter Spieler herauszuholen vermag. Der deutsche Sieg war durchaus kein Zufall. Gewiß hatte unsere Elf auch großes Glück, aber vor allem war ihr Erfolg in der Weltmeisterschaft die Folge einer klugen Taktik ihres Lehrers Herberger. Doch man muß Zeit haben zum gegenseitigen Kennenlernen, zum Unterricht in den einfachsten Grundlagen eines Spieles, zum Oben und schließlich auch zum Erproben der Auswahlelf in scharfen Wettspielen gegen gute Mannschaften. Das war Herbergers Verdienst vor der Weltmeisterschaft. Er konnte seine Männer für die Entscheidungsrunde in bester Form präsentieren.

Ein Dutzend Länder etwa dürfte heute in der Spitzenklasse des internationalen Fußballs vereinigt sein: Jugoslawien, Frankreich, Italien, Deutschland, Uruguay, Argentinien, Brasilien, England, Schottland, Österreich, Rußland und Ungarn. Nach dem heutigen Leistungsstand muß man wohl Jugoslawiens Elf als die beste bezeichnen, aber wie sollte die Reihenfolge dann aussehen? Deutschland müßte man vielleicht nach den enttäuschenden letzten Länderspielen an den Schluß der Liste setzen. Aber das kann morgen schon wieder anders aussehen, und wer weiß, ob Herberger nicht bei der nächsten Weltmeisterschaft 1958 in Stockholm erneut mit einer gleichen Meisterleistung wie in Bern aufwartet? Das letzte Spiel der Ungarn gegen die Türkei, das die Magyaren verloren, beweist erneut, daß man vor Überraschungen nicht sicher ist.

Aber erfolgreich wird er nur sein, wenn man dem deutschen Bundestrainer jede Unterstützung gewährt. Daran hapert es noch, weil die führenden Oberligavereine nur an sich denken und Herberger ihre besten Leute vorenthalten. Die Mannschaft von Bern kann in zwei Jahren nicht mehr antreten, Herberger muß eine neue Elf zusammenstellen, und er ist schon dabei. Mit diesen neuen Männern wird er nun experimentieren, wobei er zunächst den Stamm seiner Weltmeistermannschaft noch behält. Seine neuen Leute wird der Bundestrainer in verschiedene Spiele gegen erstklassige Vereinsmannschaften schicken. Die besten der neuen Spieler werden dann in die Nationalelf eingereiht, für die in diesem Jahre acht Länderspiele vorgesehen sind. Das erste davon findet bereits am 14. März in Düsseldorf gegen Holland statt.

In dem ersten Spiel der deutschen Probe-Elf gegen den HSV in Hamburg, das in der vergangenen Woche veranstaltet wurde, sah man in manchen Augenblicken der ersten Halbzeit Spitzenleistungen. Die zweite Hälfte bestritt eine völlig veränderte Auswahl, die nicht so stark war. Man muß aber bei solchen Spielen auch absichtlich Schwächen herbeiführen, will man ein genaues Bild über das Können des einzelnen erhalten. Hauptsache ist, daß dieser Versuchsmannschaft die jeweils beste und stärkste Vereinsmannschaft entgegengestellt wird. Der erste Versuch dieser neuen Auswahlmethode, den man in Hamburg bereitete, ist geglückt; es bleibt nur zu hoffen, daß alle verantwortlichen Stellen des deutschen Fußballsports Lust an der Sache behalten und den Bundestrainer nicht wieder, wie schon so oft, im Stich lassen. W. F. Kleffel