Das Landgericht München I weiß es nicht. Es mußte am Donnerstag die Verhandlung über die Klage der Stadt Köln gegen das Land Bayern in der Angelegenheit des Cranachschen Gemäldes "Madonna mit Kind" aussetzen. Wie wir in Nr. 1 der ZEIT berichteten, hat inzwischen Edda Göring ihrerseits eine Klage gegen die Stadt Köln eingereicht mit der Bitte, das zuständige Kölner Gericht möge sie als Eigentümerin des Gemäldes feststellen. Die Münchener Zivilkammer hätte also wohl theoretisch die Möglichkeit gehabt, dem bayerischen Staat die Madonna abzuerkennen; es hätte sie aber nicht der Stadt Köln zusprechen können, da deren Anspruch nun von dritter Seite bestritten wird, und so beschloß es, abzuwarten, wie die Kölner Zivilkammer entscheiden wird.

Die Sache ist wirklich ziemlich verwickelt. Der nun so umstrittene Cranach hatte 1937 bei dem Luzerner Kunsthändler Rudolf Fischer zum Verkauf gestanden. Davon hörte Hermann Göring. Ihn gelüstete nach dem Bild, aber er gedachte natürlich, es nicht bar zu bezahlen, sondern bat die Stadt Köln, ihm eine andere Madonna mit Kind – gemalt von Benozzo Gozzoli – zum Geschenk zu machen, die er dann, Madonna hin, Madonna her, mit dem Cranach tauschen wollte. Dem Wallraf-Richartz-Museum gefiel der Handel gar nicht, denn Gozzoli hatte und hat einen viel höheren Marktwert als Cranach. Man zog daher die Sache ein wenig in die Länge, und als Göring drängte, verfiel man auf einen Ausweg: man bot Fischer als Tauschobjekt für den Cranach einen wegen "Entartung" in die Magazine verbannten van Gogh an. Fischer ging darauf ein, der Cranach kam nach Köln und wurde nun der inzwischen geborenen Edda Göring als Taufgeschenk der Stadt Köln überreicht.

Der Handel erwies sich trotzdem als schlecht, denn heute wird der in Zahlung gegebene Van Gogh auf eine Million, der Cranach dagegegen nur auf 50 000 DM geschätzt. Aber ein Prozeß der Stadt Köln gegen den Kunsthändler Fischer auf Rückgängigmachung des Tausches ist verlorengegangen, und so steht Köln in einem Zweifrontenkampf gegen Edda Göring, die das Bild als Eigentum beansprucht, und gegen das Land Bayern, das auf Grund eines Spruchkammerbescheides über das gesamte Vermögen Hermann Görings verfügen darf.

Das nächste Wort hat das Kölner Landgericht. Es wird zu entscheiden haben, ob die Schenkung an den Täufling rechtskräftig ist oder ob bereits der Tag der ersten Forderung Görings an die Kölner als Stichtag für den Eigentumswechsel gelten soll, weil sich von da an die Kölner Stadtverwaltung in einer Zwangslage befunden hat. An diesem Tage aber war, worauf man in München nicht ohne Hoffnung hinweist, Edda Göring nicht nur noch nicht geboren, sondern noch nicht einmal gezeugt. l.