Bonn – Koalitionskrise: In drei Etappen vollzog sich der Obergang vom siebenjährigen Koalitionsbündnis der FDP mit Adenauer zur Opposition. Die erste Etappe war der Austritt von 16 FDP-Abgeordneten, darunter vier Bundesministern, aus der Fraktion als Protest gegen den Regierungswechsel in Düsseldorf. Die zweite Etappe war die von der CDU ausgesprochene Kündigung der Koalition mit dem Rest der FDP und die dritte die Erklärung Dehlers, daß die FDP sich von jetzt an als Oppositionspartei betrachte. Wahlreden in Württemberg-Baden zeigten, wie gründlich das Band durchschnitten ist. Dehler sagte, der Kanzler habe zehn Jahre lang "nur nach dem Westen geblickt", und es schiene, als habe die CDU "Angst vor der Wiedervereinigung". Von Brentano erwiderte, Dehler sei "unter das Niveau gegangen, das unter anständigen Menschen tragbar Ist". Die Adenauer treugebliebenen ehemaligen FDP-Abgeordneten wissen noch nicht, ob sie eine neue Partei gründen sollen und wer diese eventuelle Partei führen soll. – Die Opposition der FDP bedeutet Verschärfung der Wiedervereinigungspropaganda, sowie stärkere Betonung nationaler Ziele, unter anderem an der Saar. Diese politischen Gegensätze allein hätten die Koalition aber schwerlich gesprengt, wenn nicht die Verärgerung der Freien Demokraten über schlechte Behandlung in der Koalition hinzugekommen wäre.

Leninismus: "Lang lebe der Leninismus", mit diesem Ruf schloß der XX. Parteikongreß in Moskau. (Der Kongreß von 1952 hatte mit dem Ruf: "Ruhm dem Genossen Stalin" geschlossen.) Dem neugewählten Zentralkomitee gehören acht Generale an. Marschall Schukow wurde zum Kandidaten des Präsidiums des Zentralkomitees gewählt. Das zwölfköpfige Präsidijm – das eigentliche Führergremium der UdSSR – wurde mit Chruschtschow als Erstem Sekretär unverändert wiedergewählt. Auch Molotow und Malénkow, die zeitweise durchaus nicht am gleichen Strang zogen wie Chruschtschow, sind unter den Wiedergewählten, Verlauf und Abschluß des Kongresses standen im Zeichen allgemeinen Einvernehmens, zumindest nach außen hin. Übar die Schwierigkeiten in der Landwirtschaft, dem zur Zeit ernstesten Problem der UdSSR, und über die Deutschlandfrage wurde wenig gesprochen. Die inneren Probleme sind dringlich genug, um eine Weiterführung des Koexistenzkurses in der Außenpolitik ratsam erscheinen zu lassen.

Algier: In Algier wird weiter gekämpft, und in Paris weiter verhandelt. Gleichzeitig erwägt die französische Regierung eine Teilmobilmachung, um mit dem immer weiter um sich greifenden Aufstand in Algier fertig zu werden. Auf 120 Milliarden Francs (1,4 Milliarden DM) jährlich schätzt die Regierung die Kosten des nordafrikanischen Krieges. Nach Meutereien farbiger Truppen hat Paris beschlossen, weitere weiße Truppen aus Europa, darunter auch aus Westdeutschland, nach Nordafrika und dafür Algerier nach der Bundesrepublik zu schicken. – Frankreich steht vor der schicksalsschweren Entscheidung, ob es die algerische Frage mit Gewalt lösen soll, mit dem Risiko einer neuen "indochinesischen Katastrophe", oder ob es doch noch versuchen soll sich mit den Rebellen zu einigen.

Bundeswehr: Die SPD hat den Wehrgesetzvorlagen der Bundesregierung (auch den verfassungsändernden) zugestimmt. Ihre Einstellung zur Aufrüstung im allgemeinen und zu den Pariser Verträgen hat sich dadurch, wie Ollenhauer erklärte, nicht geändert. Der offizielle Name der deutschen Streitkräfte ist "Bundeswehr", Ein Fahneneid soll nicht geschworen werden.