Das "Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" hat seine Nummer vom 20. Februar einer umfangreichen Statistik zur Verfügung gestellt, die sich mit den Umsätzen des Buchhandels von 1949 bis 1954 beschäftigt. Auf den ersten Blick scheint diese Statistik (wie die meisten in unserem "Wirtschaftswunder") überaus glänzende Ergebnisse zu vermitteln, steigen doch die Umsätze des Buchhandels von 1949 bis 1954 – graphisch dargestellt – gleich einem Phönix vom tiefen Grund der Tabelle in ihre äußerste Höhe; auf den zweiten Blick freilich... Na ja, welche Erfolgsstatistik von heute hält schon einem zweiten Blick stand?

Es hilft nichts, dieser unangenehme "zweite Blick" muß hier riskiert werden. Interessant sind vor allem zwei Tabellen. Die erste gibt Auskunft darüber, wie es sich mit dem Anteil der einzelnen Verlage am Buchumsatz verhält. Man erfährt aus ihr: 1949 waren von hundert Verlagen noch 54,1 Prozent kleine Verlage (mit einem Jahresumsatz bis zu 100 000 DM). Mittelgroße Verlage (Umsatz zwischen 100 000 bis 500 000 DM) machten 30,8 Prozent aus, während von 100 Verlagshäusern nur 15,1 Prozent Firmen mit über 500 000 DM Jahresumsatz waren. Die Entwicklung dieser Prozentzahlen mag nun dem rein wirtschaftlich Denkenden als gesunde Konsolidierung erscheinen, den literarisch Interessierten stimmt sie bedenklich. Die Tendenz weist nämlich eindeutig auf die "Buchfabrik" großen Stils hin – mit anderen Worten: die kleinen Verlage werden immer weniger, die großen immer mehr. 1954 sind von hundert Verlagshäusern nur noch 40,6 kleine, während die mittleren auf 37,5 und die großen auf 21,9 von Hundert gestiegen sind. Beim Umsatz ergibt sich ein adäquates Bild: 1949 bestreiten die kleinen Verlagsbuchhandlungen noch 6,7 und die Riesenunternehmen 67,5 Prozent des Gesamtumsatzes. Heute sind die kleinen auf 3,1 herunter- und die großen auf 80,3 Prozent heraufgerutscht. Wenn diese Entwicklung weiter anhält, wird der gediegene kleine Verlag mit oft langer Tradition allmählich verschwinden (es sei denn, er wird als Liebhaberei, die etwas kosten darf, weitergeführt), während das Mammutunternehmen seine Buchfließbandproduktion noch steigern wird.

Schon heute sieht man die ersten Folgen solcher Entwicklung. Die Etikettierung des Buches als bloße Gebrauchsware hat eine Kurzlebigkeit auch solcher Werke zur Folge, die durchaus zehn Jahre, wenn nicht noch länger, im Buchhandel "aktuell" bleiben dürften. Die Entwicklung eines modernen literarischen Maßstabes ist fast unmöglich, da Bücher wieder verschwinden, noch ehe sie gelesen – oder, wenn sie wenigstens gelesen, noch ehe sie als Titel ins Bewußtsein der literarisch interessierten Kreise eingedrungen sind. Der einzelne Autor wird vom Mammutverlag mit einer Riesenreklame angekündigt (wobei die billigsten Tricks oft nicht gescheut werden); aber gerade, weil die Reklame ihrer Struktur sich nicht wesentlich vom Anpreisen von Zahnpasta oder Gemüsekonserven unterscheidet, nimmt sie das Publikum nicht ernst. "Durchgesetzt" wird der Autor damit nicht – aber stört das den großen Verleger noch? Hat er nicht im nächsten halben Jahr schon wieder 50 neue Bücher? Kommt es ihm noch darauf an, mit diesem oder jenem Autor, nur weil er etwas von ihm hält, durch dick und dünn zu gehen?

Eine andere Tabelle scheint auf den "zweiten Blick" ebenso bedenklich. Sie betrifft nicht die Verlage, sondern den Buchhandel selbst – oder, wie der Fachmann sagen würde: sie untersucht nicht die Gegebenheiten des herstellenden, sondern des vertreibenden Buchhandels. Aus dieser Tabelle erfährt man, daß 1949 auf 100 Firmen noch 82,1 Buchhandlungen kamen, also Läden, in die der Leser hineingeht, um sich dort ein Buch anzusehen und dann zu kaufen. Der Reise- und Versandbuchhandel (der dem Bezieher das Buch unter Umgehung des Ladengeschäftes direkt ins Haus sendet) machte damals nur 17,9 Prozent aus. Bis 1953 stieg er auf 22,7 Prozent, während die Buchläden auf 77,3 Prozent zurückgingen. Die Umsätze zeigen eine noch deutlichere Tendenz: machte der Reise- und Versandbuchhandel 1949 nur 23,6, so machte er 1953 schon 38,4 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Lediglich zwischen 1953 und 1954 blieb das Verhältnis zwischen Ladenbuchhandel und Nichtladenbuchhandel konstant.

Sollte diese Tendenz aber anhalten (erst die Statistiken des Jahres 1955 könnten darüber Auskunft geben), so wird auch dies gefährliche Auswirkungen haben. Die oft zitierte Meinung, daß auch die Buchhandlung nur ärgerlicher "Zwischenhandel" sei, die die Ware unnötig verteuere und im Grunde ausgeschaltet werden müsse, ist für das Buch falsch. Der Buchhändler ist mehr als ein "Ladenbesitzer": er soll literarischer Ratgeber sein, sein Geschäft nicht nur ein Ort der Umsätze, sondern auch ein Ort des Geistes, wo der Leser aus eigenem Antrieb zur Literatur Bücher ansieht, und schließlich das eine oder andere kauft. Das literarische Leben einer Gesellschaft besteht nicht nur darin, daß sie Bücher liest, sondern auch darin, wie sie zum Bücherlesen kommt. Der schönste Weg ist immer noch, regelmäßig "seine" Buchhandlung aufzusuchen, dort die Neuheiten durchzusehen und nach einem Gespräch mit dem Buchhändler dann dieses oder jenes Buch zu kaufen. Zugegeben, daß mancher Buchhändler diese schöne Funktion, literarischer Vermittler zu sein, in den letzten Jahren oft nicht beachtet hat; angesichts dieser Tendenzen wäre es höchste Zeit für ihn, sich auf diese Aufgabe zu besinnen. Es könnte sonst sein, daß Bücher in nicht allzu ferner Zeit zu unser aller Schaden ohne ihn verkauft werden.

Der deutsche Buchhandel hat eine traditionsreiche Struktur. Sie mag in manchem sogar veraltet sein. Aber sie mit Gewalt dem "modernen Tempo" des Geschäftslebens anzupassen, ist gefährlich. Das zeigen diese beiden Tabellen. Paul Hühnerfeld