In der Sowjetbotschaft in Berlin, Unter den Linden, finden seit einiger Zeit regelmäßig Sprechstunden für Deutsche statt, die dort ihre Beschwerden vorbringen können. Seit sich in der Bevölkerung herumgesprochen hat, daß Gesuche, die zuvor vergeblich an die Piecksche Präsidialkanzlei gerichtet worden waren, in der Sowjetbotschaft zuweilen positiv beschieden werden, wird offenbar von dieser Einrichtung in steigendem Maße Gebrauch gemacht.

Ob die Vorliebe der Sowjets, sich preußischer Erinnerungen und Vorbilder zu bedienen, auch bei dieser Erfindung Pate gestanden hat? Jedenfalls wird man unwillkürlich an die "Bittschriften-Linde" Friedrichs des Großen erinnert, die unweit des Potsdamer Stadtschlosses stand und an der der König – wie wir in der Schule lernten – stets persönlich die Wünsche und Beschwerden, die sein Volk dort – auf Zetteln verzeichnet – angeschlagen hatte, abzulesen pflegte.

Die Idee, den Untertanen die Möglichkeit zu geben, sich direkt und ohne Mittelsperson an den Landesherrn zu wenden, lag der königlichen "Bittschriften-Linde" zugrunde und bildet wohl auch den Hintergrund der neuen sowjetischen Sprechstunden "Unter den Linden". Womit denri besser als durch umständliche Darlegungen bewiesen ist, wie abwegig die Behauptung der letzten TASS-Erklärung ist, in der die Sowjetunion sich weigert, mit der Bundesrepublik über die Wiedervereinigung zu sprechen, weil "die Sowjetunion, die die Souveränität und Unabhängigkeit der DDR anerkannt hat, nicht, wie es sich von selbst versteht, über Fragen entscheiden, die die DDR angehen und nicht Verhandlungen für sie führen kann".

In Genf nahm Molotow es mit der Nichteinmischung nicht so genau. Damals erklärte er, die politische, wirtschaftliche und soziale Struktur der DDR könne in keinem Fall aufgegeben werden, freie Wahlen aber schlössen zur Zeit diese Gefahr ein. Freie Wahlen heißt in der sowjetischen Terminologie überraschenderweise "mechanische Verschmelzung". ("Die Sowjetunion hat schon auf der ersten Genfer Konferenz ihre negative Einstellung zu den Plänen einer mechanischen Verschmelzung beider Teile Deutschlands ausgesprochen, da diese Pläne offenkundig weder mit den Interessen des Friedens und der Sicherheit in Europa noch mit den nationalen Interessen des deutschen Volkes übereinstimmen." So sagte Molotow.)

Viel hängt, wie man sieht, von der Terminologie ab. Es gab eine Zeit, da sprachen die Kommunisten ganz offen von der Diktatur des Proletariats, einem Zustand, den man heute verschämt als friedliebende Volksdemokratie charakterisiert. Damals beschwor man noch die Freiheit, die "auf den Barrikaden" erkämpft, den Umsturz, der "gewaltsam herbeigeführt" werden müsse. – Heute hingegen appelliert man an die betuliche Vorstellung von der friedlichen Koexistenz. Moskau spricht von Frieden und hat derweil die größte U-Boot-Flotte der Welt und 180 aktive Divisionen (plus 70 Satellitendivisionen) aufgestellt. Moskau stört jede ausländische Rundfunksendung und regt sich derweil über die Ballonaktionen des Westens auf.

Den französischen Außenminister Pineau erfüllt diese Begriffsakrobatik offenbar mit Neid. "Warum sprechen wir nicht vom Frieden", rief er bei einer Rede aus, in der er die bisherige Außenpolitik des Westens scharf kritisierte und fügte hinzu: "wir werden sonst auf dem Felde der Propaganda und der Politik eine Schlappe hinnehmen müssen." Begeisterte Zustimmung begleitete diese Aufforderung, ungeachtet der Tatsache, daß gerade eben die Hälfte aller französischen Truppen in Nordafrika in blutige Kämpfe – eigentlich muß man schon sagen: in regulären Krieg – verwickek ist. Und ungeachtet der Tatsache, daß das Gesetz, wonach die westlichen Demokratien angetreten sind, das Prinzip der parlamentarischen Diskussion ist, das heißt, die öffentliche Auseinandersetzung. Und so kommt es, daß denn über die 55 Divisionen der NATO soviel mehr geredet wird, als über die 250 Divisionen des Ostblocks.

Am Vormittag des gleichen Tages, an dem Pineau seine Brandrede hielt, hatte er die Deklaration über die Unabhängigkeit Marokkos unterzeichnet, mit der die über vierzigjährige französische Herrschaft über dieses reiche und große Land ihr Ende fand. Noch vor ihm liegt die Algerien-Debatte, für die er um die Gunst der Kommunisten zu buhlen genötigt ist. Das erklärt vieles. In der schon erwähnten Rede hat Pineau gesagt: "Eine verheißungsvolle Straße öffnet sich vor uns Ich werde die französische Politik systematisch (wieviel Zeit er dafür wohl noch hat?) auf den Kulturaustausch zwischen Ost und West orientieren. Die Erfahrungen seines Vorgängers Pinay, der nachstehend zitiert wird, scheint er dabei vollkommen zu übersehen. Marion Gräfin Dönhoff